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21.05.2010

Folge vom 22. Mai

Es ist schon seltsam, einem Menschenkind bei der Entwicklung zuzusehen. Alles wächst und gedeiht, und ehe man sich versieht, wächst einem das Menschenkind über den Kopf.

Auch Toni wächst und gedeiht. Mit zwölf Jahren ist sie nun fast so groß wie ihre Mutter, also 1,64 Meter. Das bedeutet, dass sie sich an Mamas Kleiderschrank bedienen könnte, was sie aber nicht tut. Vielmehr rümpft Toni die Nase, wenn Aurélie ihr alte Pullover andient oder T-Shirts oder was Frauen sonst so tragen. „Aber Mama“, sagt Toni dann, „das ist doch viel zu spießig.“

Oh-oh, denke ich in solchen Momenten bei mir und ziehe den Kopf ein, jetzt ist er da, der Mutter-Tochter-Konflikt.
„Spießig!?“, ruft Aurélie. „Spießig!?!? Ich bin doch nicht spießig.“ Sie sieht mich an. „Bin ich spießig?“
Ich wünschte, ich wäre woanders. Mit dem Hund im Garten. In der Redaktion. Meinetwegen sogar auf Verwandtenbesuch. Bin ich aber nicht. Also suche ich nach Worten. Noch ehe ich welche gefunden habe, eilt Toni zu Hilfe.

„Du bist nicht spießig, höchstens ein bisschen. Aber deine Klamotten, die sind spießig.“
Aurélie sieht wieder mich an. „Sind meine Klamotten spießig?“
Ich denke nach.
„SIND MEINE KLAMOTTEN SPIESSIG???“

Das ist der Moment, in dem ich merke, dass ich Teil dieses unangenehmen Mutter-Tochter-Konflikts bin. Völlig schuldlos in den Wirren eines Kleinkriegs gefangen. Ein Opfer der Familie. Ein armer Kerl. Einer, der jetzt was sagen muss.

„Also, ich finde nicht, dass deine Kleider spießig sind. Ich finde sie attraktiv. Aber Toni ist natürlich viel jünger, sie hat einen anderen Geschmack.“

Ich merke, dass Aurélie mich kritisch ansieht, die Arme vor der Brust verschränkt, den Kopf leicht zur Seite geneigt, einen Fuß vorgestellt. Ich muss keine Professur in Körpersprachentheorie haben, um zu spüren, dass Aurélie mir mit einer gewissen Abwehrhaltung gegenübertritt, gepaart mit unübersehbaren Zeichen von Angriffslust.

Sicherheitshalber spreche ich schnell weiter: „Du weißt ja, Kinder sind in ihrer Kleiderwahl ein wenig wilder, ein wenig unorthodoxer. Kinder halt.“

„Aha“, sagt Aurélie.
„Ich bin kein Kind mehr“, sagt Toni. „Und ich habe einen guten Geschmack.“
„Na ja“, sage ich.
„Natürlich hat Toni einen guten Geschmack. Sie ist schließlich meine Tochter“, faucht Aurélie.
„Eben“, sagt Toni. „Und deshalb weiß ich, dass Mamas Klamotten spießig sind.“

Ich finde, es ist an der Zeit, ein paar Punkte bei meinen Damen zu sammeln. „Toni“, sage ich deshalb mit meiner beruhigendsten Vater-Stimme, „Mamas Kleider sind nicht spießig. Sie passen perfekt zu Mama. Schließlich ist sie kein junger Hüpfer mehr, der sich so schrill kleiden kann wie du. Das sähe doch blöd aus, findest du nicht?“

Toni sagt nichts. Sie schweigt. Betreten, wie mir scheint. Aurélie schweigt ebenfalls. Wütend, wie mir scheint. Habe ich was Falsches gesagt?
„Habe ich was Falsches gesagt?“, frage ich.
„Hast du“, sagt Aurélie.
„Ach Buddy“, sagt Toni und schüttelt altklug den Kopf. „Du musst noch viel lernen.“
„Stimmt“, sagt Aurélie. Dann nimmt sie Toni in den Arm und sagt: „Komm', wir gehen in die Stadt und kaufen uns hippe Klamotten.“
„Echt? Cool. Kommt Buddy mit?“
„Nein. Nur seine Kreditkarte.“