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21.11.2008

Folge vom 22.11.08

Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Wände gestrichen. Das war so nicht geplant, denn eigentlich sollte Aurélie sich den Wänden in unserem neu gekauften Altbau widmen. Doch Aurélie funktionierte noch nicht, Sie wissen schon, die Nachwehen der kürzlich erwähnten Gallensteine. Also musste ich ran.

Das war unschön, denn ich sehe mich lieber als großen Strategen und Organisator, denn als ausführendes Organ. Einen günstigen Maler auftreiben, das hätte ich können. Aber selber den Pinsel schwingen? Unvorstellbar.

Aber es half ja nichts, und so warf ich mich in eine alte Hose und ein altes Hemd, bereit, die einst gern getragene Kleidung auf dem Altar der Renovierung zu opfern.

Ich begann mit der Decke, von links nach rechts und andersrum, von vorne nach hinten und zurück. Es sah nicht gut aus. Ich sah auch nicht gut aus. Weiße Flecken im Gesicht, weiße Flecken auf der Brille. Weiße Flecken an der Decke. Aurélie, die von einem Stuhl aus mein Treiben beaufsichtigte, sagte: „Das geht ja gar nicht.“ Sie hatte recht – beleidigt war ich natürlich trotzdem.

Fortan widmete ich mich wieder eher destruktiven Aufgaben: Der Pflicht zum Frust-Fluch, Böden rausreißen, Schutt zur Mülldeponie bringen. Musste ja auch alles getan werden. Aurélie nutzte die Gelegenheit, sich weiter zu erholen, und übernahm am folgenden Tag die Streicharbeiten höchstpersönlich. „Dich kann man das ja nicht machen lassen“, sagte sie. Ich wollte mich schon mit ihr streiten, weil Ehepaare sich bei solchen Gelegenheiten nunmal in die Haare bekommen. Aber ich schwieg lieber, erneut beleidigt, und ging in den Garten, um eine Runde zu fluchen.

Während ich fluchte, strich Aurélie. Und sie strich und strich und strich. So ein Haus hat aber auch verdammt viele Wände. Nun ist es leider so, dass Aurélie zwar sehr gründlich, nicht aber sehr schnell ist. Was wiederum zur Folge hatte, dass nach mehreren Stunden Streicherei gerade mal ein Zimmer fertig war. „Gibt‘s dich auch in schnell?“, fragte ich.

Ich glaube, Aurélie wollte daraufhin spontan einen Streit vom Zaun brechen. Stattdessen ging sie in den Garten und fluchte.
Am Abend kam Toni ins Haus. Sie hatte den Tag (und die Tage zuvor) in der alten Wohnung verbracht, um sich den Hausaufgaben zu widmen und auf eine Mathe-Arbeit zu lernen. Na ja, und um sich vor Aufträgen zu drücken wie etwa putzen, Türrahmen abkleben oder Brezeln beim Bäcker holen.

Wenn ich es mir recht überlege, war Toni volle fünf Tage nicht im Haus, sie bekam nicht mit, wie wir die uralten Teppichböden, den dazugehörigen Kleber und die darunterliegenden Linoleumplatten entsorgt hatten, ihr war entgangen, wie wir im Schweiße unseres Angesichts Tapeten entfernten, die fester an der Wand klebten als Kaugummi an den Schuhen, sie hatte nicht gesehen, wie wir uns doch noch aufgerafft hatten und die Wände dreier Zimmer mit einem neuen Anstrich versahen. Von all dem wusste Toni nichts. Sie hätte also beim Anblick des Hauses begeistert sein, uns huldigen, ach was, ehrfurchtsvoll auf die Knie fallen müssen angesichts unserer Heldentaten. Sie hätte sagen müssen: „Ihr seid ja soooo toll.“
Sie sagte: „Hier sieht es ja schrecklich aus. Ich will sofort heim.“ Aurélie und ich sahen uns an. Dann rannten wir in den Garten. Und fluchten.