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22.08.2008

Folge vom 23.08.08

Es gab Zeiten – ich war noch ein junger Kerl – da kam es sommers vor, dass ich mich nach getaner Arbeit mit Kollegen zum Feierabendgetränk in den Biergarten begab. Dort, umschwirrt von brummenden Bienen, wuseligen Wespen und humorlosen Hummeln, ließen wir den Tag Revue passieren, sprachen über Fußball, sahen kurzberockten Frauen nach und taten auch sonst das, was junge Männer eben so machen: Wir tranken Bier.

Nun war ich noch nie jemand, der locker fünf, sechs oder gar sieben große Gläser mit der mildherben Köstlichkeit zu sich nehmen konnte, ohne hernach unter dem Einfluss des konsumierten Alkohols zusammenzubrechen. Deshalb beschränkte ich mich an solchen Abenden auf den Genuss von drei Hefeweizen, in angemessen schneller Zeit dem eigenen Körper zugeführt, und schlurfte anschließend beseelt in Richtung Wohnstube, wo ich mich aufs Sofa fallen ließ, Fußball-Freundschaftsspiele ansah und nicht umhin kam festzustellen, dass ich reichlich einen im Tee hatte. Das war nett.

Nicht so nett waren die anschließenden Nächte. Erstens schläft es sich mit einem Rausch nicht annähernd so gut, wie gemeinhin angenommen. Vielmehr wälzt der Angetrunkene sich in aller Regel hin und her und wacht zwischenzeitlich auf mit dröhnendem Schädel und wirren Gedanken.

Vor allem aber droht mit zunehmendem Alter eine körperliche Randerscheinung, deren Auswirkung gar nicht drastisch genug beschrieben werden kann. Es droht: der Wadenkrampf!
Ich bin nicht sicher, aber ich glaube, dass ich vor Jahren schon einmal über die Auswirkungen nächtlicher, alkoholbedingter Wadenkrämpfe geschrieben habe, über diesen schlagartigen Schmerz, der sich anfühlt, als habe jemand ein Messer ins vormals weiche Wadenfleisch gesteckt und eifrig herumgedreht.

Mit der Folge, dass nicht nur Schmerzensschreie durch die stille Nacht gellen, sondern der eben noch geschmeidige Wadenstrang härter ist als Dieter Bohlen zu seinen Castingshow-Kandidaten.

Hilflos zappelt der Patient im Bett, umnebelt vom Alkohol, gequält vom Schmerz, hilflos wie ein Kafka-Käfer auf dem Rücken. Und selbst wenn die Pein nachlässt, der arme Trinker langsam wieder Luft holen kann, selbst dann kann von Entspannung keine Rede sein. Denn wo ein Krampf ist, lauert meist noch ein zweiter oder dritter. Denn Krämpfe, diese miesen Typen, kommen gerne im Rudel.

Nun, mir konnten sie jahrelang nichts anhaben; meinen Alkoholkonsum hatte ich dermaßen heruntergeschraubt, dass Krämpfe leider draußen bleiben mussten. Auch gestern witterte ich keinerlei Gefahr. Ein Radler nur hatte ich zu mir genommen, lächerlich wenig, kein Grund, sich Sorgen zu machen. „Wadenkrampf“ – diesen Begriff hatte ich aus meinem Wortschatz gestrichen.

Doch vergangene Nacht hat sich wieder einer angeschlichen. Hinterrücks näherte er sich, überfallartig schlug er zu, aus heiterem Himmel. Ich hatte keine Chance. Während Aurélie neben mir schlummerte, wand ich mich vor Schmerzen, bemühte mich heldenhaft um leises Stöhnen, auf dass meine Angetraute nicht geweckt werde und humpelte schließlich zur Toilette. Als ich mich wieder hinlegte, war ich deprimiert. Ein Wadenkrampf ohne Rausch.

Ich hatte noch nie so sehr das Gefühl, ein Versager zu sein.