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23.10.2009

Folge vom 23.10.09

Es gibt immer einen Anlass, anderen zu danken. Sich zu verneigen vor der Weisheit des Gegenübers, demütig zu werden angesichts der Hilfsbereitschaft der Mitmenschen.

Heute ist es an mir, Dank zu sagen. Und zwar meinen Kollegen im Ressort, die mich aus einer schlimmen Verlegenheit gerettet haben. Es geschah nämlich, dass ich vorm Monitor saß, bereit, eine neue Folge dieser samstäglichen Serie zu verfassen, die zu lesen Sie sich gerade dankenswerterweise Zeit genommen haben.

Nur: Mir fiel nichts ein. Der Bildschirm blieb weiß, Minute um Minute, Stunde um Stunde, und wenn der Chef just in dieser Phase hereingekommen und kritisch gefragt hätte, was der Huberth denn so den lieben langen Tag treibe, dann hätte ich unumwunden zugeben müssen: „Angestrengt in den Bildschirm starren. Sonst nix.“
Zum Glück kam der Chef nicht, ich konnte also ungestört weiterstarren, verzweifelt auf der Suche nach einer kleinen Anekdote, die zu erzählen sich lohnen könnte. Und da geschah es: Mitten in mein konzentriertes Starren gelangten Geräusche an mein Ohr, die sich bald als muntere Fetzen einer Unterhaltung meiner Kollegen entpuppten. In dieser Unterhaltung ging es um Krankheit. Und um Heilung.

Dazu muss man wissen, dass die Kollegin Joos an jenem Tag mit leidendem Gesicht und Eisbeutel an der Backe erschienen war. Beides war nach einer unschönen Zahnoperation nötig geworden. Mitfühlend wie die Kollegen nunmal sind, suchten sie nach Lösungen.
Und entdeckten eine: Eigen-Urin soll helfen.

„Ich könnte ja mit dem Zeug gurgeln“, sagte die Kollegin Joos.
„Stimmt“, rief die Kollegin Frey. „Das heilt.“
„Ja. Aber nur der Mittelstrahl“, dozierte da die Kollegin Joos und verzog den Mund, denn zu reden tat ihr weh an jenem Tag.
Schnell schnatterte sie munter durcheinander, die Kollegenschar. Überbot sich an Ratschlägen und Halbwissen, erinnerte an Carmen Thomas, die einst das „Aktuelle Sportstudio“ moderierte, von Schalke 05 sprach und später mit Büchern und Vorträgen über die heilende Kraft des Eigen-urins bekannt wurde. Ach, was war das für eine Freude, die Kollegen so fröhlich fachsimpeln zu hören.

Etwa die Kollegin Joos, die behauptete, dass Urin nach nichts schmecke, das habe sie mal gelesen. Woraufhin die Kollegin Frey einwarf, dass das, so habe sie gehört, davon abhänge, was man vor dem Akt des Pinkelns gegessen und getrunken habe.
Oder der Kollege Berends, der zu berichten wusste, dass Taucher, die in tiefen Tiefen tauchen und dort womöglich frieren, in den eigenen Taucheranzug zu urinieren pflegen, auf dass es wärmer werde.

Oder nochmal die Kollegin Joos, die, bemüht um Fakten, zu erklären begann: Früher, im Krieg, hätten jene Soldaten, die Blasen an den Füßen hatten, in den Stiefel gepinkelt, seien barfuß ins benässte Schuhwerk geschlüpft, weiter marschiert – und die Blasen wären abgeheilt.
Ja, ich war den Kollegen dankbar, dass sie mir ein solch' hochwissenschaftliches Thema auf dem Silbertablett servierten. Bis der Kollege Kindlein den Finger hob und sagte: „Wer richtige Heilung will, lutscht am besten noch einen Urinstein.“

Da wurde mir klar, dass die Sache mit dem Urin vielleicht doch zu unappetitlich für diese kleine Kolumne ist. Lass' ich mir eben was anderes einfallen.