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24.04.2010

Folge vom 24.04.10

Mein Schinder ist eine Frau. Das halte ich irgendwie für unpassend. Ich finde, ein Schinder sollte ein Mann sein, einer mit Bundeswehrkurzhaarraspelfrisur, einer mit grimmigem Blick und grausiger Mimik, mit Stiernacken und Muskelbergen, einer, der nie lächelt, und wenn, dann diabolisch.

Aber meine Schinderin heißt Frau R., ist jung, durchaus nett anzuschauen und schindet stets mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen, dem selbst bei kritischster Betrachtung nichts Teuflisches anhaftet.

Ich halte das für einen Betrug und erwäge deshalb, mich bei meinem Rehabilitationszentrum zu beschweren. Mein Rehabilitationszentrum, fortan „Reha“ genannt, ist für mich drei Wochen lang tägliche Anlaufstelle.

Ein bisschen Fitness – anstrengend, aber wohltuend –, manchmal Bewegungsbad mit schweißtreibendem Aquajogging, schmerzhafte aber hilfreiche Physiotherapie und der eine oder andere Vortrag. Alles sehr angenehm. Sport tut mir schließlich generell gut und meiner Rückenmuskulatur sowieso.

Ich gehe gern zur Reha. Anders als viele meiner Mit-Rehabilitisten, die den ganzen Tag klagen über anstrengendes Programm, überflüssige Übungen, nervige Pausen, schlechtes Essen. Ich falle nicht ein in diesen Chor der Beschwerdeführer, nein, ich bin allen dankbar, die mir helfen, nach meiner Bandscheiben-Operation wieder auf die Beine zu kommen.

Sogar Frau R.

Auch wenn es mir bei Letzterer schwerfällt. Wann immer ich auf meinen täglichen Therapieplan sehe, entdecke ich folgenden ersten Eintrag:

8 Uhr, LWS-Gruppe, Frau R., Gruppenraum EG. Das klingt harmlos. LWS steht für Lendenwirbelsäule, EG für Erdgeschoss, Frau R. für Frau R. Am ersten Tag dachte ich angesichts des Eintrags in all' meiner Naivität: Aha, Gruppenraum also. Da sitzen wir bestimmt auf dem Boden, vielleicht liegen wir auch oder stehen oder parken unsere Körper auf irgendeine andere Weise, die Lendenwirbelsäulengeschädigten angemessen ist. Und wenn wir dann Platz genommen haben, reden wir über unser Leid, jeder darf was sagen, getreu dem Motto: „Es hilft echt voll gut, mal darüber zu reden, du.“ War aber nicht so. Klar, manchmal haben wir uns schon hingelegt. Aber nur, um gymnastische Übungen zu machen, Bauchmuskeltraining, Rückenmuskeltraining, Armmuskeltraining, Beinmuskeltraining. 45 Minuten purer Horror auf schweißgetränkten Gymnastikmatten, initiiert von der freundlich lächelnden Frau R.

Manchmal, wenn eine Übung besonders anstrengend war, sagt sie Dinge wie: „So, jetzt steigern wir das ein bisschen, damit ihr euch nicht langweilt.“ Ich glaube, sie findet das witzig. Ich nicht. Mein Muskeln übrigens auch nicht, die haben jeden Tag einen ordentlichen Kater. Wenn ich darauf mit mühsam beherrschtem Leiden in der Stimme hinweise, ernte ich nur ein müdes Lächeln. Und zwar von allen Reha-Mitarbeitern. „Das ist ein gutes Zeichen“, sagen sie dann. „Weiter so, Herr Huberth.“

Als artiger Patient mache ich weiter, klaglos, wie es meine Art ist. Bis ich mittags nach Hause komme. Dann lege ich mich auf die Couch und scheuche Toni durch die Gegend, jede Anweisung garniert mit dem Hinweis, dass ich mich schonen muss.

Wenn Toni murrt und klagt, sie könne nicht mehr, lächle ich und sage: „Das ist ein gutes Zeichen. Weiter so.“