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24.07.2009

Folge vom 24.07.09

Aurélie hatte Geburtstag. Das ist an sich nicht weiter bemerkenswert, denn sie hat jedes Jahr Geburtstag. Ich habe auch nichts gegen ihren Geburtstag, ich schenke ihr gern etwas, ich gönne ihr, einen Tag lang im Mittelpunkt zu stehen und ich genieße es, sie damit zu ärgern, dass sie schon wieder älter geworden ist. Vor allem: älter als ich es bin. p>

An ihrem Geburtstag stört mich nur eins: Jedes Jahr kündigt Aurélie kurz vorher all' ihren Freunden an, dass sie herzlich eingeladen seien, ein wenig mit ihr zu feiern. „Ich mache keine große Party“, sagt sie. „Wer kommen will, soll halt kommen, es gibt Kuchen und ein paar Kleinigkeiten.“

Und diese paar Kleinigkeiten sind das Problem.
„Ich backe drei Kuchen“, hat sie zwei Tage vor dem großen Tag zu mir gesagt. „Kümmerst du dich um die Kleinigkeiten?“
„Welche Kleinigkeiten?“

„Ich weiß nicht. Fällt dir was ein? Ich will nur nicht, dass wir übermorgen in der Küche stehen müssen, wenn die Gäste kommen.“
Eigenbrödler, der ich bin, wäre es mir ja lieber gewesen, es wären gar keine Gäste gekommen und ich hätte gar nicht über Kleinigkeiten nachdenken müssen. Mein vorsichtig in diese Richtung geäußerter Vorschlag fand jedoch wenig Anklang.

„Spinnst du? Das ist mein Geburtstag und den will ich feiern.“ Ich gab auf – und kümmerte mich um die Kleinigkeiten.
Die Kleinigkeiten waren: Hackfleischbällchenspieße, Tomaten-Mozzarella-Spieße, kleine Schnitzelchen, Käsebällchen und Quiche-Törtchen mit verschiedenen Füllungen.

Am Tag vor Aurélies Geburtstag machten wir uns daran, Kuchen und Kleinigkeiten vorzubereiten. Dabei konnte uns nicht einmal das Eier-Debakel bremsen. Die gingen uns nämlich aus. Aber Aurélie besorgte bei der Nachbarin sechs Stück und wir konnten mit der Kuchen- und Kleinigkeitenzubereitung fortfahren.

Wir bereiteten ziemlich lange zu, bis spät in die Nacht. Zwischendurch gratulierte ich Aurélie kurz zum Geburtstag, versicherte ihr, dass es zumindest für mich kein großes Problem sei, dass sie nun wieder älter sei als ich und widmete mich anschließend wieder den Kleinigkeiten. Außer den Kuchen kümmerte ich mich um alles. Lediglich den Mürbeteig für die Quiche-Füllungen überließ ich Aurélie.

Alles in allem war die Sache mit den Kleinigkeiten also ziemlich aufwendig. So wie jedes Jahr. Aber was soll's, so lange meine Göttergattin zufrieden ist, bin ich ja glücklich.
Und so kam ich am nächsten Tag frohen Mutes nach getaner Arbeit nach Hause. Hungrig, durstig und bereit, all' die leckeren Kleinigkeiten zu vertilgen. Ich probierte die Schnitzelchen – lecker. Ich versuchte die Spießchen – delikat. Ich kostete die Käsebällchen – köstlich. Und schließlich wagte ich mich an die vorzüglich aussehenden Quiche-Törtchen. Genüsslich biss ich in eines mit Lachsfüllung. Ich kaute, ich stutzte – und ich sagte zu Aurélie: „Kann es sein, dass dir der Mürbeteig ein wenig süß geraten ist?“

Sie wurde aschfahl. „Oh Gott – ich habe das Kuchenrezept benutzt.“ Das war natürlich peinlich. Aber ich sah großzügig darüber hinweg und erwähnte auch nur am Rande, dass ich für süße Lachstörtchen stundenlang in der Küche stand. „Macht doch nichts“, sagte ich gönnerhaft, biss kräftig in ein Törtchen und murmelte mit vollem Mund: „Ist doch nur 'ne Kleinigkeit.“