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25.10.2008

Folge vom 25.10.08

In meinem Leben habe ich schon die eine oder andere Hochzeit erlebt und meistens ging es irgendwann gegen später recht munter zu. Doch mittlerweile bin ich in einem Alter, in dem eine ausgelassene Hochzeitsstimmung keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Diese bittere Erkenntnis traf mich vor zwei Wochen, als mein Freund Johannes seine bezaubernde Lebensgefährtin Sarah ehelichte.

Dazu muss man wissen, dass Sarah Ärztin und Johannes Arzt ist. Er hat sogar zwei Doktortitel und ist gerade dabei, Professor zu werden. Das irritiert mich immer wieder, denn wenn ich an Johannes denke, habe ich stets den 16-jährigen Knaben vor Augen, der mit Schlamm verschmiertem Gesicht das Siegtor unserer Hobby-Fußballmannschaft bejubelt. Oder den 20-Jährigen, der mit mir durch Budapest lustwandelt und dem schier die Augen aus dem Kopf fallen sowie der Sabber aus dem Mundwinkel angesichts der ungarischen Schönheiten, die unseren Weg in engen Blusen und ohne BH kreuzten.

Nun ist Johannes fast ein Professor Dr. Dr. und in seinem Gesicht ist kein Platz für Schlamm oder Sabber, er hat keine Zeit für Hobbyfußball oder sonstigen Schabernack. Stattdessen hat er Verpflichtungen: Sprechstunde, Leben retten, standesgemäße Hochzeiten feiern.

Standesgemäß bedeutet in diesem Fall: Gottesdienst in einer schmucken Kirche in Bad Wildungen mit klassischer Orgelmusik und ein paar nicht minder klassischen Posaunentönen. Und: Hochzeitsfeier auf einem Schloss in Bad Wildungen mit Tischkarten und einer Band, die zum edlen Menü sanften Jazz kredenzt. Alles sehr gediegen.

Dazu muss man wissen, dass Bad Wildungen an sich sehr gediegen ist, ein kleines Kurstädtchen in der nordhessischen Diaspora, bevölkert von Kurgästen jenseits der 60 mit Stoffhose und Seidenschal. Aurélie und ich fühlten uns sehr jung.

Am Abend fühlten wir uns nicht mehr jung, sondern alt. Denn in jungen Jahren hätten wir bei einer solchen Hochzeit vielleicht auf den Tischen getanzt, mindestens aber wären wir in einer Polonaise freuden- und alkoholtrunken durch den Saal marschiert. Wir hätten gefeiert und gelacht und von Zeit zu Zeit auch mal vor Glück gejauchzt. Und das alles inmitten einer brodelnden Masse schwitzender Gäste, die sich nur mal kurz hingesetzt hätte, um ein wenig Luft zu schnappen.

In Bad Wildungen aber war alles anders. Wir saßen fast den ganzen Abend über an unserem Platz, beobachteten die anwesenden Ärzte in Zivil und harrten der Dinge, die da kommen mochten. Doch es kamen keine Dinge. Kein Programm, kein ausgelassener Freudentanz, nicht einmal eine Mini-Polonaise. Die Männer saßen größtenteils stocksteif da, bis zum bitteren Ende angetan mit Anzug und Krawatte. Nur ich fiel negativ auf, weil ich mich frühzeitig meines Sakkos und meines Schlips‘ entledigte. Damit war ich ein Ausbund an Extrovertiertheit.

Gegen Mitternacht wagten sich vereinzelt einige Paare auf die Tanzfläche, um sich dort Bad-Wildungen-mäßig gediegen hin- und herzuschieben. Der Rest blieb sitzen oder ging nach Hause.

So ist das also, wenn man alt wird und in Medizinerkreisen feiert. Macht aber nichts. Dem Brautpaar hat‘s gefallen. Und wer weiß, vielleicht fahren Johannes und ich mal wieder nach Budapest. Um uns jung zu fühlen. Und um zu gucken, ob‘s in Ungarn mittlerweile BHs gibt.