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27.02.2009

Folge vom 27.02.09

Das schöne alte Wort Hoffart wird heutzutage kaum noch gebraucht. Das habe ich schon einmal bedauert und finde es noch immer schade. Doch so geht es vielen alten Wörtern, die alsebald aus unserem Sprachgebrauch und damit von dieser Welt verschwinden.

Nehmen wir etwa den wunderschönen Begriff Viktualien. Nun gut, wir alle kennen die berühmten Viktualienmärkte in Jena, Castrop-Rauxel oder Gars am Kamp. Auch in München hat sich einer niedergelassen, der von Zeit zu Zeit vom Anblick erlebnis- und weißwursthungriger Touristen beglückt wird. Doch wann je haben wir jemanden sagen hören: „Ich gehe mal eben in den Supermarkt, Viktualien kaufen“? Eben, noch nie. Dabei bedeutet Viktualien nichts anderes als: Lebensmittel. Klingt aber schöner.

Ich bin gerade in Stimmung, deshalb noch ein Beispiel: Brosamen. Die Welt ist schnöde, der Kapitalismus böse und uns werden sogar die kleinsten Brosamen versagt. Wenn eines Tages die Märchen ausgestorben sein werden, haben auch die Brosamen das Zeitliche gesegnet, sind versunken in den Tiefen der Vergangenheit. Übrig bleiben dröge Krümel.

Manchmal finden sich Brosamen auch im Tornister unbedarfter Schulkinder, die ihre Pausenvesperei eilig aus dem Wachspapiere zerren und dabei nicht bedenken, dass Salamischeiben, Paprikastreifen und Brosamen zu Boden fallen, den Grund des Tornisters erst bedecken und später gar zu müffeln beginnen.

Schöne Geschichte, aber heute gibt es keine Tornister mehr, sondern Schulrucksäcke, es gibt kein Pausenvesper im Wachspapier, schon gar keine Paprikastreifen, sondern ein Knoppers und ’ ne Cola. So ist sie, die moderne Welt.

Und weil das so ist, gibt es auch keine Hoffart. Sondern Hochmut, Eitelkeit, Arroganz, überhebliches Getue, nobles Gehabe. Genau solchem ist Toni anheim gefallen. Nach dem Übergang von der Grundschule aufs Gymnasium feierte die junge Dame zunächst schulische Erfolge. Eine 2 in Mathe, eine 1- in Erdkunde, eine 2 in Deutsch. Das gymnasiale Leben war schön, Toni glücklich – und die Hoffart nicht mehr weit.

Toni beschloss, intelligent genug zu sein, um ohne großen Lerneifer gute Noten abzuliefern. Und so übte sie mit ihren Freundinnen nicht Mathe, sondern die Kunst des Verkleidens und Schauspielerns.

Doch wie das so ist: Hochmut kommt vor dem Fall, der Niedergang folgt der Hoffart. Auch bei Toni. Sie schrieb in Mathe eine 4, eine 3-4 in Erdkunde, in Naturphänomene eine 3-. Das ist ihr nun peinlich und sie hat mir streng verboten, mich in der Öffentlichkeit darüber auszulassen. Woran ich mich selbstverständlich halte.

Gerne aber erzähle ich, dass ich mit ihr die Mathearbeit nochmal durchgerechnet habe. Ich habe sogar alles verstanden. Sie nicht. Also übten wir, erklärte ich, lauschte sie. Sie zeichnete Parallelen und Orthogonalen, sie spiegelte ein Dreieck am Punkt A und ein Rechteck an der Gerade g, und irgendwann hat es „Klick“ gemacht und sie hat kapiert, was ihr bis dato verborgen geblieben war.

Dank mir. Ich hatte ihr einige Brosamen meines großen Wissens zugeworfen und das Kind war schlau genug, sie vom Boden der 5. Klasse zu klauben. Brave Toni.

Ich selbst sonne mich noch ein wenig im Glanz meines mathematischen Genius, lasse meine hoffärtige Ader gewähren. Mein tiefer Fall kommt noch früh genug.