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26.12.2008

Folge vom 27.12.08

Oft sitzt Toni in ihrem Zimmer und hört CDs. Meistens Hörspiele, „Die drei ???“, Fünf Freunde“, was Zehnjährige halt so hören. Bisweilen aber auch Musik. Sie mag „Die Prinzen“, „Die Erste Allgemeine Verunsicherung“ und ähnlich deutschsprachige Combos, deren Texte sie versteht und lustig findet oder deren Texte sie – zumindest inhaltlich – nicht versteht, aber trotzdem lustig findet.

Manchmal hört sie auch Madonna und hüpft zu deren Rhythmen durchs Zimmer. Wer hüpft, muss keine Texte verstehen und wahrscheinlich ist das auch besser so.

Was Toni jedoch niemals, wirklich niemals hört, ist André Rieu. Das ist ein gutes Zeichen, denn damit stehen die Chancen gut, dass Toni nie eine unzufriedene Hausfrau wird, die abends mit Lockenwicklern (für die original André-Rieu-Frisur) vorm Fernsehgerät sitzt und den geigenden Holländer anschmachtet.

Ehrlich gesagt wusste ich gar nicht, dass Toni André Rieu überhaupt kennt. Wir besitzen keine CD von ihm und den jeweiligen übertragenden Sender überspringen wir großzügig, wenn er mal wieder in der Glotze zur Geige greift.

Dass Toni ihn kennt, wurde mir vor einem Jahr klar: Wir verbrachten den Abend des Jahreswechsels bei meinen Eltern in Freiburg. Ich hatte Karten für die Silvestergala des Weihnachtszirkus besorgt und – wie üblich – Toni nichts davon erzählt. Ich hatte ihr nur mitgeteilt, dass wir uns nach dem Essen noch zu einer Veranstaltung aufmachen würden, an der sie sicher Freude haben würde.

„Was für eine Veranstaltung“, fragte sie.

„Überraschung“, sagte ich.

„Oooooh Buddy! Du immer mit deinen blöden Überraschungen. Jetzt sag schon!“

„Aber dann ist es doch keine Überraschung mehr.“

„Biiiiiitteeeeeee, jetzt sag.“ Sie sah mich von unten mit großen Augen an. Natürlich ließ ich mich erweichen.

„Okay“, sagte ich. „Wir gehen in ein Konzert.“

„Echt jetzt? Was für ein Konzert.“

„Kennst du André Rieu?“ Der war mir in einer spontanen Eingebung eingefallen.

„Mhm. Da gehen wir aber nicht hin, oder?“ Angst in ihren Augen.

„Doch“, jubelte ich. „Toll, oder? Der ist sonst immer nur im Fernsehen und du siehst ihn heute live.“

Toni schluckte und sah mich entsetzt an. „Das ist nicht wahr“, sagte sie.

„Doch! Freust du dich?“

„André Rieu? Bäh. Da will ich nicht hin, das ist blöd.“

Weil ich ein gemeiner Mensch bin, erlöste ich Toni nicht von ihrem Leiden, sondern trieb das Spielchen weiter. Bis wir vorm Zirkuszelt ankamen.

„Das ist ein Zirkuszelt“, sagte Toni. „Wir gehen nicht zu André Rieu, sondern in den Zirkus.“ Hoffnung in ihren Augen.

„Das ist das Zeltmusikfestival. Jeden Abend ein anderes Konzert im Zirkuszelt. Heute eben Rieu.“

„Oh.“ Trauer in ihren Augen.

Kurz darauf saßen wir auf unseren Plätzen und zwei Clowns trieben ihr Unwesen. „Cool, das Vorprogramm“, sagte Toni. „Ich wünschte, es ginge so weiter. Aber nein, gleich kommt der doofe Rieu.“

Er kam dann doch nicht und Toni war überglücklich. „Das schönste Silvester meines Lebens,“ rief sie. Ich war gerührt. So gerührt, dass ich die Geigen seufzen hörte. Die Geigen des André Rieu.