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28.06.2008

Folge vom 28.06.08

Vor manchen Autoritäten sollte man stets gehörigen Respekt haben. Solche Autoritäten sind: Polizisten, Vermieter und Zugbegleiter.

Wann immer ich einen Polizeiwagen sehe, der hinter, vor oder neben mir fährt, plagt mich sofort die Sorge, etwas falsch gemacht zu haben. Selbst dann, wenn ich mit Gewissheit sagen kann, dass ich mich an sämtliche mir bekannten Verkehrsregeln gehalten habe. Könnte ja sein, dass mir eine mir unbekannte Vorgabe zum Verhängnis wurde.

Wann immer ich meinen Vermieter sehe, dünkt mich sofort, ich könnte die Hausordnung in einem oder mehreren wichtigen Fällen ignoriert haben. Obwohl ich das nie tun würde. Wann immer ich einen Zugbegleiter sehe, bricht mir der kalte Schweiß aus. Zugbegleiter sind wesentlich schlimmer als Polizisten oder Vermieter. Denn Zugbegleiter trifft man nicht allein, sondern nur inmitten einer Horde anderer Fahrgäste. Der Gedanke, von einem Zugbegleiter wegen einer Missetat bloßgestellt zu werden, macht mich ganz verrückt.

Wenn ich aus der Ferne den Spruch „Guten Tag, Ihre Fahrkarte bitte“, höre, gerate ich in panikartige Hektik. Ich krame in meiner Tasche, wo ich den Geldbeutel verstaut habe, in dem meine Monatskarte steckt. Und jeden Tag aufs Neue frage ich mich: Habe ich mein Portemonee dabei? Oder liegt es in der Redaktionsschublade? Steckt die Fahrkarte auch in dem dafür vorgesehenen Fach? Habe ich sie versehentlich herausgenommen? Wenn der Zugbegleiter schließlich vor mir steht, bin ich kreidebleich, kurz davor, mich zu übergeben und krächze: „Moment“.

Warum das so ist, weiß ich nicht, schließlich bin ich noch nie der Schwarzfahrerei wegen an den Pranger gestellt worden. Ich flippe trotzdem aus. Und so wäre ich vermutlich durchgedreht, wenn es mir gegangen wäre, wie zwei etwa zwölfjährigen Mädchen, die neulich im gleichen Waggon saßen wie ich.

Die beiden hatten es sich gerade gemütlich gemacht und schnatterten los, wie Zwölfjährige eben schnattern, wenn sie einen kleinen Stadtbummel unternommen haben. Der Zug setzte sich in Bewegung, und die Mädchen verstummten. Dann fragte die eine: „Wohin fahren wir?“

„Nach Karlsruhe“, sagte ich.

„Aber wir müssen nach Mühlacker“, riefen sie.

„Oh“, sagte ich, „ihr könnt erst in Durlach umsteigen.“

Die beiden waren total aufgeregt, riefen ihre Mütter an, versicherten, dass sie keine Schuld hätten und widrige Umstände dafür verantwortlich zu machen seien, dass sie in den falschen Zug gestiegen sind.

Dann fuhren sie gelassen und kichernd weiter. Bis ihnen etwas einfiel. „Müssen wir jetzt neue Fahrkarten lösen? Für diese Strecke haben wir ja keine.“

Ich wollte den beiden gerade sagen, dass sie ohne Ticket ganz schön aufgeschmissen seien und auf jeden Fall mit größtem Zugbegleiter-Ärger zu rechnen hätten, dass ich jedenfalls keinesfalls in ihrer Haut stecken wolle – als eine andere Frau sagte: „Nein, das geht bestimmt in Ordnung, der Schaffner sieht ja, dass ihr versehentlich falsch gefahren seid.“

Die Mädchen nickten. Sie waren cool.

So will ich auch mal sein.