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29.01.2010

Folge vom 29.01.10

Es ist ganz gut, manchmal eine Begrifflichkeit auf ihre genaue Bedeutung hin zu untersuchen, ehe man sie achtlos in einen Text wirft. Ich zum Beispiel war gerade drauf und dran, das schöne Wort „Phantomschmerz“ in die Leserrunde zu werfen und darüber zu fantasieren, dass ich bisweilen exakt darunter leide. Ui, wäre das peinlich geworden.

Nur gut, dass ich meiner Journalistenpflicht (ruhig mal recherchieren, bevor man schreibt) nachgekommen bin und mich ein wenig über das Wesen des Phantomschmerzes informiert habe. Natürlich war mir schon vorher klar, dass Phantomschmerzen dann auftreten, wenn der Mensch einer Gliedmaße verlustig gegangen ist und nun eben jene Gliedmaße zu spüren glaubt. Also: Wer sich einen Arm hat amputieren lassen müssen, wird ebendort mangels Arm kein Empfinden mehr haben, kein Kribbeln, kein Jucken, keinen Schmerz. Manchmal bilden sich Betroffene aber genau dies ein – und das ist dann der Phantomschmerz.

Doch allzu oft verwenden wir diesen Begriff in falscher Weise. Etwa so: Wir beobachten, wie ein entweder leicht verwirrtes oder hoch konzentriertes Individuum beim Spaziergang gegen einen Laternenpfahl knallt und sich dabei den Kopf stößt. „Au!“, rufen wir nun mitfühlend, „da bekommt man ja Phantomschmerzen“. Bekommt man nicht, denn das hieße ja, keinen Kopf zu haben und trotzdem genau dort ein Leiden zu verspüren.

Und weil das so ist, sage ich es hier ausdrücklich: Ich habe keine Phantomschmerzen. Aber ich leide mit. Mit wem ich leide, wollen Sie nun zu Recht wissen. Nun, ich will es Ihnen sagen. Ich leide mit all' jenen Hunden, denen ich auf meinen Spaziergängen mit Samson begegne und deren Halter (meistens Halterinnen) mich in ein kleines Gespräch verwickeln, das in etwa so abläuft:

„Na, der ist aber süß. Und so lebhaft. Wie heißt er denn?“
„Samson. Ist noch ziemlich verspielt. Klar, mit gerade mal 16 Monaten.“
„16 Monate? Oh-oh, da ist er ja mitten in der Pubertät.“
„Ja, ist aber nicht so schlimm.“

In diesem Moment beginnt Samson regelmäßig, den Hund der plaudernden Halterin anzubellen, weil der nicht mit ihm spielen will. Oder er bellt, weil der andere spielen will und Samson nicht. Oder er fängt gleich eine Rauferei an.

„Tja. Nicht so schlimm, wie? Meiner war ja auch mal so. Sehr anstrengend, kann ich Ihnen sagen. Und so peinlich, wenn er andere anspringt.“ „Ja, manchmal schon. Samson! NEIN! SCHLUSS JETZT. So ist's brav. . . Aber wie gesagt. Meistens ist es okay.“
„Wenn Sie das sagen . . . na ja, wir haben damit zum Glück keine Probleme mehr.“ „Nicht?“ „Nein.“ Besagte Halterinnen recken sich nun stolz. „Wir haben Arko ja kastrieren lassen. Seither ist er wie ausgewechselt.“

Jetzt bellt Samson besonders laut. So laut, dass ich einen guten Grund habe, weiterzugehen. „Sehr interessant. Aber wir müssen los, tut mir Leid. Tschühüs. Samson, auf, weiter!“ Wir eilen davon, und ich versichere Samson, dass er ein Mann bleiben darf. Gleichzeitig verspüre ich beim Gedanken an Kastration einen unangenehm ziehenden Schmerz im Unterleib. Aber ich schwöre es hoch und heilig: Das sind keine Phantomschmerzen.