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28.11.2008

Folge vom 29.11.08

Mein Schwager war da. Das war gut, denn mein Schwager ist ein Bär mit der Kraft eines Schulbusses. Als er kam, trug er Schnauzbart, Blaumann und eine Hilti-Superduperhyperhausabrissmaschine, die ich nicht einmal hätte hochheben, geschweige denn benutzen können.

„Und, was können wir für dich tun?“, fragte er. Mit „wir“ meinte er seine Hilti und sich. Ich starrte das Duo ehrfurchtsvoll an. Mein Mund wurde trocken, meine Stimme versagte. Schwager! Blaumann! Hilti! Und ich mittendrin! Wahnsinn! „Hallo!? Aufwachen! Was sollen wir abreißen?“
Ich glotzte blöd und sagte „Hä!?“ Er sah mich an, als hätte ich nicht alle Tassen im Schrank: „Was. Sollen. Wir. Abreißen?“

„Abreißen? Ach ja, abreißen. Da“, sagte ich und deutete auf die Küche. „Die Fliesen müssen raus, das alte Loch für die Dunstabzugshaube muss geschlossen werden, dafür brauchen wir weiter oben eine neue Öffnung. Geht das?“ Er sah mich wieder an, als hätte ich nicht alle Tassen im Schrank. „Machst du Witze? Das ist ein Klacks für uns.“ Klar, Klacks. Logisch. Er sah mich immer noch an, als sei ich nicht ganz dicht. „Was soll ich mit dem Scheiß?“, fragte er und zeigte auf die Ohrenschützer und die Atemschutzmaske, die ich ihm hinhielt.
„Deine Ohren und Atemwege schützen“, sagte ich. „Blödsinn“, sagte er, wandte sich um und säbelte die Fliesen von der Wand. Ich betrachtete Ohren- und Mundschützer. Am Tag zuvor hatte ich beide angelegt, als ich mit einem Teppichstripper durchs Haus gedüst war. Ein Teppichstripper ist kein sich auf einer weichen Auslegeware entkleidender Mann, sondern eine ziemlich laute Maschine, mit der echte Handwerker – also Typen wie ich – Teppichkleberreste entfernen können. Gegen die dabei entstehenden Staubwirbel hilft, das hatte ich in einem Handbuch für Heimwerker gelesen, ein Mundschutz. Und gegen den Krach Ohrenschützer. Ich sah mit dem Zeugs zwar aus wie ein Außerirdischer, der nicht alle Tassen im Schrank hat. Aber ich fühlte mich gut. Trotzdem erzählte ich meinem Schwager nichts von der Episode. Bestenfalls hätte er mich ausgelacht. Schlimmstenfalls mit Nichtbeachtung bestraft.

Ich vergaß Mund- und Ohrenschützer und beobachtete Schwager samt Hilti bei der Arbeit. Binnen weniger Minuten waren sämtliche Fliesen am Boden zerschellt. Dann widmeten sich Schwager und Hilti den Dunst-abzugshaubenausgängen. Nach ein paar Augenblicken klaffte ein riesiges Loch in der Wand.

Ein Viertelstündchen später war das Loch geschlossen, es blieb nur noch die kleine, erwünschte Öffnung, und die Wand war sauber verputzt.
„So macht man das“, sagte mein Schwager. „Profiarbeit und nicht so ein Gestümpere.“ „Genau“, antwortete die Hilti. Beide sahen sich an. „Ohne uns ist der doch aufgeschmissen“, sagte die Hilti.
Mein Schwager stimmte ihr zu: „Besonders gut gestrichen hat er auch nicht. Wenn man nicht alles selber macht.“ Die Hilti nickte: „Wahrscheinlich trägt er bei der Arbeit sogar Ohrenschützer und Atemschutzmaske. Schlimm. Ich glaube, wir übernehmen das Haus.“
In diesem Moment wachte ich auf. Lauter schreiend als jede Hilti.