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30.10.2009

Folge vom 30.10.09

Wenn die Tage kürzer werden, wenn die Nacht früh naht und mich mit ihrer Dunkelheit umhüllt, dann ist die Zeit gekommen, ein wenig über mich und mein Leben nachzudenken. Das nennt man vermutlich Herbstmelancholie.

Diese Herbstmelancholie wird mit zunehmendem Alter schlimmer, denn in diesen Phasen denke ich nicht über die Zukunft nach und nicht über die Gegenwart, sondern ich verharre in den Tiefen der Vergangenheit, dort, wo ich längst nicht mehr bin, da, wo ich nie mehr hinkomme: Ich befasse mich mit der süßen Pflanze Jugend.

Habe ich etwas verpasst? Gab es in meinem jugendlichen Leben zu wenig Sex, zu wenig Drogen, zu wenig Rock'n'Roll? Natürlich ist die Beantwortung solcher tiefschürfender Fragen müßig, im Grunde komplett überflüssig. Aber es macht halt Spaß, sich an jene Zeit zu erinnern, in der ich als 16-Jähriger durchs Leben wandelte. Und es sind Erinnerungen, die mich bisweilen zu spannenden Erkenntnissen gelangen lassen.

Etwa zu dieser: Das Leben vieler junger Menschen spielt sich vor allem in einer Einrichtung ab: dem Jugendzentrum. So ziemlich jedes Kaff hat ein eigenes Jugendzentrum, zumindest war das früher so, als die Jugend noch einen Anlaufpunkt benötigte und nicht wahlweise ihre Erfüllung darin fand, die eigene Karriere minutiös vorzubereiten oder andere Leben mittels Prügelorgien an Haltestellen öffentlicher Verkehrsmittel zu beenden.

Die Jugend der 80er-Jahre hatte noch einen restrevolutionären Ansatz, der darin gipfelte zu sagen: Helmut Kohl ist doof. Eine Aussage übrigens, die erkennen lässt, dass Jugendliche viel mehr Weisheit in sich tragen, als gemeinhin angenommen. Aber das nur nebenbei.

Tatsache ist, dass auch das Jugendzentrum meines Ortes ein gern genommener Treffpunkt pubertierender Menschen war und auf den liebevollen Namen Juze hörte. Wer cool war, wer etwas auf sich hielt, wer sich mit Fug und Recht als unabhängigen Geist, als Revoluzzer, als Meinungsführer, als Vorzeige-Jugendlichen bezeichnen wollte, der war Stammgast im Juze. Ich war auch da. Manchmal. Selten. So gut wie nie.
Also, um der Wahrheit die Ehre zu geben: Ich habe das Juze gehasst. Es war am Rand der Gemeinde untergebracht, im Untergeschoss einer kleinen Sporthalle, direkt neben einem Ascheplatz, auf dem ich an Wintersonntagen manchmal mit Freunden Fußball spielte. Es war ziemlich trostlos dort.

Die Typen im Juze bezeichneten sich als autonom, und ich habe nie verstanden, was autonome Jugendliche ausmacht. Im Juze jedenfalls saßen die ungewaschenen Autonomen, hörten Heavy Metal oder Punkmusik, soffen Bier und Schnaps bis zum Umfallen, erbrachen sich nächtens in den versifften Toiletten, nahmen bewusstseinserweiternde Substanzen jeglicher Art zu sich, brüllten wirres Zeug, zerschmetterten Bierflaschen auf dem Ascheplatz, auf dem ich doch eigentlich am nächsten Tag wieder kicken wollte.

Nicht, dass ich nicht auch mal voll wie ein Eimer war. Aber die Typen im Juze? Nee, die fand ich abstoßend. Ich finde es tröstlich, an diese Zeiten zurück zu denken. Klar, ich war nicht cool, schon gar nicht autonom. Aber – und das ist das tröstende Element: Ich war schon damals ein Spießer. Ist doch schön zu sehen, dass ich mich seit meiner Jugend kein bisschen geändert habe.