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30.01.2009

Folge vom 31.01.09

Fast wäre es soweit gekommen, dass wir Schnee nur noch aus Bilderbüchern, Antarktis-Dokumentationen oder alten Heimatfilmen kennen. Doch dann trat der diesjährige Winter auf, und mit ihm sanken die wunderlichen weißen Flocken herab, sogar bis in die Niederungen, wie es in solchen Fällen im Wetterbericht zu heißen pflegt.

Mit Niederungen freilich ist nun nicht gemeint, dass der Schnee auch in Städten landet, die so hässlich sind, dass man sie nicht zu den Höhepunkten deutschen Städtebaus zu zählen bereit ist. Wir begeben uns also nicht in die Niederungen nationaler Urbanität, sondern vielmehr in geografische Tieflagen, dorthin, wo sonst winters nur der Regen prasselt und sommers unerträgliche Hitze aufs Gemüt drückt.
Der Schnee also kam, und die gesamte Familie stand staunend am Fenster und rief: „Oh, echter Schnee.“ Sogar Hund und Katz‘ riefen mit, Kater Luigi tatzte nach jeder Flocke, Rüde Samson suhlte sich im kühlen Feuchtgebiet, und alle hatten Spaß.

„Ich will auch Spaß“, sagte ich zu Toni. „Lass uns schlittenfahren.“
Und so machten wir uns auf zum nächsten lohnenswerten Hügel. Bedauerlicherweise war jener nur mit Hilfe des Autos zu erreichen. Da schneit es mal bis in die Niederungen, und dann bieten eben diese keine schlittenfahrgeeigneten Hügel. Man sollte ein Protestschreiben an den Bundesschneebeauftragten schicken. Aber wie das so ist, wenn man mal einen Bundesschneebeauftragten braucht, gibt es keinen.

Ich schrieb also nicht, sondern ging in den Keller, um meinen alten Hornschlitten zu holen, den ich in meiner Kindheit auf den schönen Namen Charlie getauft hatte. Charlie und ich waren immer sauschnell, ein tolles Team, das etliche Kinderschlittenrennen (damals gab es noch in jedem Jahr ausreichend Schnee für derlei Vergnügungen) siegreich zu gestalten in der Lage war.

Leider musste Charlie in den vergangenen Jahren ein Mauerblümchendasein fristen. Winter für Winter wartete er auf seinen Einsatz, stets vergeblich. So nimmt es nicht wunder, dass der holzige Geselle brummig-beleidigt reagierte, als ich ihn fröhlich erst ins und dann aus dem Auto bugsierte.

Charlie, Toni und ich erklommen einen flachen Hügel. „Hui“, rief Toni, „da sause ich runter.“ Ich schüttelte den Kopf. „Willst du Charlie und mich beleidigen? Das ist kein Berg, das ist ein Witz. Wir fahren von da oben.“ Ich deutete nach da oben.

Dort oben war nicht weit entfernt, vielleicht 30 Meter, aber wenigstens waren es steile Meter. Keuchend kamen wir an, Toni setzte sich unter Protest nach vorn und hielt sich an den Hörnern fest, ich setzte mich nach hinten und hielt mich an Toni fest. Dann ging’s los.

Leider hatte ich übersehen, dass am Fuße des Steilhangs eine Bodenwelle darauf wartete, uns in die Luft zu schleudern. Und so geschah es, dass wir drei in hohem Bogen durch die Gegend segelten und bretthart wieder auf den Kufen landeten. Toni schrie, ich lachte hysterisch und Charlie raste weiter, bis in die Niederungen. Dort wollte ich aufstehen, aber ich konnte nicht. Mein Rücken schmerzte, als wolle er einen Schmerzwettkampf gewinnen. Am nächsten Tag diagnostizierte mein Arzt eine Kreuzbeinentzündung.

Seither finde ich, dass der Winter in alten Heimatfilmen echt gut aufgehoben ist.