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31.07.2009

Folge vom 31.07.09

Neid, so steht es geschrieben, ist eine der sieben Todsünden. Die anderen sind: Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Trägheit. Und bevor übereifrige Theologiestudenten Schmähbriefe schreiben: Ja, tatsächlich handelt es sich nicht um Todsünden, sondern um sogenannte Hauptlaster, also um schlechte Charaktereigenschaften, die nur umgangssprachlich als Todsünden bezeichnet werden.

Weil aber die Umgangssprache genau mein Ding ist, bleibt es dabei: Neid ist eine Todsünde. Natürlich bin ich auch gelegentlich hochmütig, in – wie ich finde – Ausnahmefällen geizig, manchmal wollüstig, selten zornig, bisweilen träge und falle regelmäßig der Völlerei anheim. Aber das sind alles Kinkerlitzchen, lässliche Sünden im Vergleich zu jenem Neid, der sich vor drei Tagen meiner bemächtigt, seither nicht mehr losgelassen hat und bis kommenden Freitag nicht mehr loslassen wird.

Dieser Neid kommt selbstverständlich nicht aus dem Nichts. Er hat sich nicht angeschlichen, auf der Suche nach einem Opfer, dass er einer Seuche gleich befallen könnte. Er pfiff sich kein Liedchen, während er über die Straße schlenderte, um spontan auf mich zu hüpfen. Nein, der Neid war fieser. Er hat sich angekündigt. Ziemlich langfristig sogar.

Sie sagen jetzt: „Tja, Huberth, sei froh, konntest du dich darauf vorbereiten, dass der Neid kommt.“ Aber das stimmt nicht. Auf Neid kann man sich nicht vorbereiten. Und zu wissen, dass er kommt, macht die ganze Angelegenheit nur noch unerquicklicher. Wenn er dreckig grinsend aus der Ferne winkt und ruft: „Na, siehst du mich schon? Warte nur, bald bin ich bei dir“ – das zieht die Qualen in die Länge.

Doch kommen wir nun zum Quell der Qual, kommen wir zur Ursache des Neids, zum Grund meiner andauernden Todsünde, kommen wir zur bitteren Wahrheit. Die bittere Wahrheit lautet:

Aurélie und Toni haben Ferien. Ich nicht.

Das ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Sechseinhalb Wochen können sich die beiden dem Müßiggang hingeben, der Faulenzerei, dem süßen Nichtstun. Morgens schlafen sie aus, lassen sich von späten Sonnenstrahlen wecken, schnuppern am Duft der sommerlichen Freiheit, während ich längst in den Redaktionsstuben sitze und vor mich hinschwitze.

Wobei ich sagen muss – allein schon für den Fall, dass der Chef an dieser Stelle mitliest – dass ich gerne arbeite. Und auf gar keinen Fall möchte ich meinen Job tauschen mit dem des Lehrers oder gar des Schülers. Fürchterlicher Gedanke.

Ich will nur auch Ferien haben. Oder zumindest nicht erleben müssen, dass meine Damen sich vergnügen, während ich schufte und mir bei 33 Grad im Schatten eigenartige Texte über Neid ausdenke. Kurzum: Wenn Aurélie und Toni auch arbeiten müssten, wäre alles gut.

Wobei das nun kein Neid, sondern Missgunst ist. Todsünden-theologisch gesehen macht das aber keinen Unterschied, da sind Neid und Missgunst eins, ebenso wie Eifersucht. Nennt sich in der klassischen Theologie übrigens „Invidia“. Geiz, Habgier und Habsucht heißen „Avaritia“. Interessant, gelle? Ich glaube, ich gebe Aurélie und Toni Hausaufgaben auf. Bis kommenden Freitag müssen sie alles über die sieben Todsünden auswendig lernen. Danach dürfen sie es wieder vergessen.
Denn dann habe ich auch Urlaub.

Neidisch?