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07.05.2010

Folge vom 8. Mai

Manche Menschen halten mich für ziemlich cool. Also nicht cool im Sinne eines coolen Typs, der mit Oberarmmuskelmasse, RayBan-Sonnenbrille und maskulinem Gang die Damenwelt um den hormongeschwängerten Verstand bringt. Nein, manche Menschen halten mich für cool im Sinne von: Den Huberth, den bringt nix aus der Ruhe.

Tatsächlich ist es so, dass ich mir im Laufe meiner knapp 38 Lebensjahre eine gewisse Gelassenheit angeeignet habe. Stress in der Redaktion? Ich sitze stoisch vorm Computer, erledige eins nach dem anderen und lasse mich nicht nervös machen.

Mein Ferienflieger gerät beim Passieren einer Aschewolke in Turbulenzen? Ich sehe interessiert nach draußen, zähle die Aschepartikel und ergötze mich in größtmöglicher Gelassenheit an dem einzigartigen Naturschauspiel. Und jeder sieht: Der Huberth bleibt cool.

Äußerlich.

Innerlich sieht das ganz anders aus. Da brodelt's wie im Eyjafjallajökull auf Island, da frage ich mich, wie ich alle mir gestellten Aufgaben erledigen, wie ich das Flugzeug lebend verlassen kann. Meine Panik sieht mir keiner an, sie ist aber da.

Macht aber nix, denn das Schöne ist: Meine äußere Ruhe überträgt sich auf andere. Sie sehen, dass der übergewichtige Kerl gelassen bleibt; also nehmen sie sich ein Beispiel und werden selbst gaaaanz ruhig. Deshalb werde ich auch in Zukunft die Fassade der Coolness bewahren und mich durch nichts und niemanden davon abringen lassen. Niemals!

Doch nun zu etwas ganz anderem: Luigi war weg. Normalerweise kommt der kleine Racker spätestens nach sechs Stunden Abwesenheit zur Tür oder zur Katzenklappe hereinmarschiert, verlangt sein Fressen und ruht sich anschließend aus. Diesmal kam er nicht. Er fehlte sechs Stunden, dann acht, zehn, zwölf, 16, 20, 24, 30, 36 Stunden. Ich weiß, den meisten Haltern von Katzen mit Freilauf kommt das lächerlich wenig vor. Mir nicht.

Nach sieben Stunden begann ich durchzudrehen. Tigerte durchs Haus, suchte in allen Ecken, marschierte durchs Viertel, rief seinen Namen, hatte Durchfall. Meine Hände zitterten, ich überlegte, ob ich zur Beruhigung mit dem Rauchen anfangen sollte, war aber zu zittrig, um den Automaten bedienen zu können.

Als Aurélie nach Hause kam, saß ich in der Ecke, ein gebrochener Mann, der mit sterbender Stimme sagte: „Mein Kater ist weg.“
„Seit wann?“
„Acht Stunden.“
„Aber Schatz, der kommt bestimmt wieder.“

Ich wehrte mich nicht einmal dagegen, Schatz genannt zu werden. So fertig war ich. Fest davon überzeugt, dass Luigi etwas Schlimmes passiert war.
Sie warten jetzt bestimmt auf das Happy End, darauf, dass ich alles auflöse und mich selbstironisch als Hysteriker entlarve. War aber nicht so. Luigi kam nicht mehr zur Tür herein spaziert.

Bevor Ihre Augen sich aber nun mit Tränen füllen: Er ist wieder da. Zwar hatte er tatsächlich einen Unfall – die Polizei hat ihn an der Autobahn aufgegabelt und in die Tierklinik gebracht – aber zum Glück war er nur leicht verletzt. Mittlerweile stromert er wieder durch die Gegend, um spätestens nach sechs Stunden sein Fressen zu verlangen.

Alles ist also gut. Mal abgesehen von meinem Nimbus, den ich bei Aurélie verloren habe. Die weiß nun, dass ich gar kein cooler Typ bin. Sondern ein Nervenbündel. Mein Ruf ist ruiniert. Danke, Luigi, echt toll.
Ich bin trotzdem froh, dass du zurück bist.