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30.10.2008

Historische Wahl in den USA

Was ist eigentlich Amerika heute? Nach wie vor ein Land der Freiheit, das im Konzert der Staaten laut und deutlich den Ton angibt? Oder nur noch die Karikatur einer Weltmacht, die mit ihrer Politik den Weltfrieden gefährdet und den Ruf der Demokratie beschädigt? Wir Europäer neigen zu letzterer Sicht – nicht zuletzt deshalb, weil der oberste Stellvertreter der USA acht lange Jahre lang ein Mann gewesen ist, den wir als Mischung aus peinlicher Witzfigur und gefährlichem Fanatiker empfinden.

Dass wir die USA über ihren Präsidenten definieren, kommt nicht von ungefähr. Amerika selbst macht es uns vor: Nirgends sonst ist die gewaltige Wahlkampfmaschinerie ähnlich konzentriert auf die Kandidaten, in keiner anderen Demokratie ist der Präsident derart offensichtlich Fixpunkt des politischen und gesellschaftlichen Geschehens. Das kann – wie im Fall George W. Bush – fatale Folgen haben. Erst folgte das Land ihm in einen unsinnigen Krieg gegen den Irak und blendete dabei seine innenpolitischen Versäumnisse aus, später erklärte es ihn zum Versager und ist seither quasi führungslos.
Deshalb ist Amerika im Jahr 2008 eine riesige Baustelle. Die missratene Außenpolitik, die unser Bild der Großmacht prägt, ist nur eine von vielen Sorgen der US-Bürger. Die Steuerlast macht Familien und kleine Unternehmen kaputt, ein wirklich funktionierendes staatliches Gesundheitssystem fehlt, die steigenden Energiepreise treffen die Holzhaus- und Spritfresser-Nation noch viel härter als zum Beispiel Deutschland. Von der Finanzkrise und ihren Folgen ganz zu schweigen.
Jedes Problem für sich genommen ist durchaus zu bewältigen – und Amerikaner sind hart im Nehmen. Viele haben zwei oder sogar drei Jobs, das Bewusstsein, nichts geschenkt zu bekommen, saugen sie mit der Muttermilch auf. Zukunftsangst war in den USA bisher ein Fremdwort.
Diese Zeiten sind vorbei. Amerika braucht deshalb nicht nur einen politischen Plan für die Zukunft, sondern auch einen Motivator, der den Menschen ihr Selbstvertrauen und ihren Optimismus zurückgibt. Dieser Mann kann im Vergleich der Kandidaten Barack Obama und John McCain nur einer sein. Obama bringt als Mensch alle Qualitäten mit, die ein herausragender US-Präsident haben muss. Charisma, Redetalent und eine außergewöhnliche Selbstsicherheit zeichnen ihn aus. Und als Politiker hat er mehr Erfahrung, als manche glauben. Niemand wird erfolgreicher Senator, nur weil er sich gut verkauft.
Sollten die Wähler dem Favoriten Obama den Weg ins Weiße Haus doch noch verbauen, vergeben sie eine gewaltige Chance. Nicht deshalb, weil dann doch kein Schwarzer regiert – nur deshalb, weil der Bessere draußen bleiben muss.