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05.05.2008

Huberths Welt vom 05.05.08

Toni hatte Geburtstag. Das war natürlich ein großes, wichtiges, bewegendes Ereignis. Jedenfalls für Toni, die schon im Februar erklärt hatte, dass sie in 56 Tagen zehn Jahre alt werde, dass sie sich sehr darauf freue und dass sie gespannt sei, was sie denn aus Anlass ihres Wiegenfestes, das ja immerhin ein kleines Jubiläum sei, geschenkt bekomme.

Solcherlei Vorträge mussten wir uns annähernd täglich anhören, bisweilen gewürzt von einem spitzen Ausruf: „Ich bin ja schon sooooo aufgeregt. Nur noch 27 Tage. Was schenkt ihr mir denn?“

Aurélie und ich schwiegen natürlich wie zwei Gräber und schafften es tatsächlich, das Geheimnis bis zum Tag der Tage zu bewahren. Das war nicht immer einfach, denn am Vorabend der Feierlichkeiten sagte Toni: „Nennt mir wenigstens den Anfangsbuchstaben.“

„Kommt nicht in Frage“, sagte ich.

„Na gut, dann irgendeinen Buchstaben.“

Ich wollte erneut protestieren, doch Aurélie kam mir zuvor. „Es hat sieben E“, sagte sie.

Damit war Toni zufrieden und sie verbrachten den Rest des Abends damit, darüber nachzudenken, in welchem Geschenk sich sieben E verbergen könnten.

Tatsächlich hatte Aurélie das arme Kind veräppelt, denn Toni bekam von uns ein Fahrrad geschenkt, und in Fahrrad gibt es nicht einmal ein E, geschweige denn sieben. Toni freute sich trotzdem sehr.

Es war natürlich nicht das einzige Geschenk. Weil Toni viel Verwandtschaft hat, türmte sich ein riesiger Berg an geheimnisvoll verpackten Waren vor der Kleinen. Sie jauchzte und juchzte und öffnete das erste Päckchen.

„Ein Buch“, rief sie und ihre Augen leuchteten. Toni liebt Bücher, sie liest ständig und überall. Wir freuten uns mit ihr.

Sie öffnete das nächste Päckchen. „Oh, toll“, jubelte sie. „Noch ein Buch. Schön, da hab ich ja genug zu lesen.“

Sie öffnete das nächste Päckchen. „Jaaa, das Buch habe ich mir schon immer gewünscht.“

Sie öffnete das nächste Päckchen. „Geilo, ein Buch.“

Sie öffnete das nächste Päckchen. „Hui, ein Buch.“

Sie öffnete das nächste Päckchen. „Hm, noch ein Buch.“

Sie öffnete das nächste Päckchen. „Ein Buch.“

Sie öffnete das nächste Päckchen. „Buch.“

Sie nahm das nächste Päckchen. Es war ziemlich groß, jedenfalls zu groß für ein Buch. Die Vorfreude auf ein Geschenk, das kein Buch ist, war ihr deutlich anzusehen. Sie riss es auf, mit kaum verholener Gier, zerrte und zog, fetzte und fummelte und bekam endlich das Geschenk heraus.

„Na, was ist es?“, fragte ich.

„Drei Bücher“, sagte sie.

Am Ende hatte sie 14 Bücher bekommen, für die sie kaum Platz in ihrem Regal fand. Später, von ihrem Bett aus, betrachtete sie ihre kleine Bibliothek. Ich setzte mich zu ihr.

„Und? War dein Geburtstag schön?“

„Jaaaa.“

„Gefallen dir deine Geschenke?“

„Ja, natürlich.“

Ihr neues Fahrrad stand im Zimmer, es leuchtete in Blau und Silber.

„Dein Fahrrad gefällt dir auch?“

„Ja, total. Es ist das schönste Geschenk von allen.“

„Warum?“

„Weil es kein Buch ist.“