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05.05.2008

Huberths Welt vom 10.05.08

In der Zeitung stehen manchmal Berichte über diamantene Hochzeiten. Meistens besucht mein lieber Kollege Rosendahl die seit 60 Jahren verheirateten Paare und lässt sich von ihnen erzählen, wie sie sich kennengelernt haben und wann die Kinder das Licht der Welt erblickten und dass sie sich immer noch lieb haben. Ja, wenn der liebe Kollege Rosendahl über die alten Leutchen schreibt, dann menschelt es immer sehr und ich bin ganz gerührt von so viel Glück.

Aber wie es so ist, wenn man was in der Zeitung liest: Man denkt, das passiert nur den anderen. Egal, ob es um schlimme Unfälle, Hausbrände, Lottogewinne oder diamantene Hochzeiten geht. So etwas geschieht einem nie selbst. Es widerfährt nicht einmal dem Umfeld, den Freunden, der Verwandtschaft. Schlimme Unfälle, Hausbrände, Lottogewinne oder diamantene Hochzeiten finden nunmal nicht in meiner Welt statt.
Dachte ich. Aber ich habe mich geirrt.

Zum Glück war es kein Unfall, der in mein Leben schoss wie ein Blitz vom Himmel. Auch kein Brand oder anderes Ungemach. Und einen Lottogewinn habe ich auch nicht zu vermelden. Da gewinnen immer die anderen.

Dafür galt es, im Familienkreise eine diamantene Hochzeit zu begehen. Meine Großeltern traten vor 60 Jahren vor den Traualtar, bereit, sich ein gemeinsames Leben zu versprechen. Sie hielten Wort.

Nun traf sich die Verwandtschaft zum Feste, zog ein, um das Jubelpaar gebührend zu feiern. Da kann man sich als Enkel nicht entziehen, selbst dann nicht, wenn Familienfeiern nicht eben zu den begehrenswertesten Vergnügungen zählen, die der Enkel sich so vorstellen kann. Viel lieber hätte ich meine Zeit im Fußballstadion verbracht. Oder spielend mit Toni. Oder mit dem Treppenhausputz. Nein, ich mag Familienfeiern wirklich nicht.

Aber Aurélie hat mich gezwungen, sie hat gesagt, das müsse sein, das gehöre sich so und es führe kein Weg daran vorbei. Also fuhren wir los, düsten über die Autobahn und hörten Toni zu, die ihre Liebe zu den Liedern der „Ersten Allgemeinen Verunsicherung“ (EAV) entdeckt hat und fröhlich mitträllerte, während das Stück vom Märchenprinz aus ihren Kopfhörern tönte.

Die Fahrt war nett, die Feier . . . nun ja, wie eine Feier eben ist, bei der ich mit 36 Jahren der zweitjüngste Teilnehmer bin – nach Toni und knapp vor Aurélie. Der große Rest war jenseits der 50, die meisten älter als 70 und sie erzählten leider keine drolligen Geschichten aus der Vergangenheit, sondern sprachen über ihre Gebrechen, ihre Leiden, ihre Krankheiten.

Das will ich den Herrschaften nicht vorwerfen. Wenn ich dereinst alt sein werde, stehen meine täglichen Schmerzen vermutlich auch im Mittelpunkt meines Daseins. Aber erklären Sie das mal Toni.

„Mir ist langweilig“, flüsterte sie mir im Fünf-Minuten-Takt zu, und ob sie nicht EAV hören dürfe. Schweren Herzens verbot ich es ihr.

„Warum?“, wollte sie wissen.

„Weil es unhöflich ist, wenn man in einer Gesellschaft sitzt, Kopfhörer aufhat und vor sich hin singt.“

„Aber mir ist langweilig.“ „Mir auch.“

„Warum gehen wir dann nicht?“

„Ist unhöflich.“

„Blöd. Wenn Mama und du mal diamantene Hochzeit feiern, dann dürfen meine Kinder EAV hören.“

„Wir feiern nie diamantene Hochzeit.“

„Warum?“

„Das, liebe Toni“, sagte ich, „passiert immer nur den anderen.“