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11.04.2008

Huberths Welt vom 12.04.08

Mein Mathelehrer kam eines Tages in die Klasse und sagte, er habe einen Test vorbereitet. Es war kein Mathe-Test, sondern eine Art Eignungstest. Denn mein Mathelehrer, Herr Eberbach, interessierte sich sehr für Psychologie, er leitete an meiner Schule sogar die Psychologie-AG.

Er legte uns also einen psychologischen Test vor, dessen Ergebnis nicht nur unseren Intelligenz-Quotienten angab, sondern auch unsere Neigungen und Eignungen. Bei mir kam neben einer innerhalb des Klassenverbands zufriedenstellenden IQ-Zahl vor allem dieses heraus:
Ich besitze Talent für mathematische Aufgaben.

Das war überraschend. Denn zu dieser Zeit besuchte ich die 10. Klasse und es stand seit mindestens drei Jahren fest, dass ich in Sachen Mathematik vollkommen unterbelichtet war. Noten lügen nicht, so dachte ich. Und die Noten sagten eindeutig: Alles besser als eine Fünf ist ein Erfolg.

Mein Eignungsergebnis führte in der Klasse zu großem Gelächter. Auch Herr Eberbach lächelte irritiert, schließlich musste der arme Mann immer meine Klassenarbeiten korrigieren und dabei seinen Rotstift über Gebühr strapazieren. Und dann dieses Resultat. Bestimmt wusste der Herr Eberbach nicht, wem er nun glauben soll: Den Mathe-Klassenarbeiten und dem damit verbundenen Notenbild. Oder dem psychologischen Test. Vielleicht war er überzeugt, ich sei ein verkanntes Genie. Und vielleicht hätte er damit sogar recht.
Vielleicht aber auch nicht.

Man könnte nun meinen, das Ergebnis hätte mich beflügelt, mein mathematisches Selbstvertrauen in den Himmel schießen und mich fortan mit traumwandlerischer Sicherheit in der Welt der Mathematik bewegen lassen. Doch das ist leider nicht geschehen, ich bin ein Fremdkörper in dieser mir fremden Galaxie geblieben. Bis heute.

Das hat mir nie etwas ausgemacht, ich verdiene mein Geld mit Schreiben, nicht mit Rechnen. Und für Notfälle habe ich Taschenrechner, Computer und intelligente Freunde. Kurzum: Meine Rechenschwäche war nie ein Problem.

Bis Toni Woche mit einer Matheaufgabe nach Hause kam. „Buddy“, sagte sie. „Wie geht das? Ich glaube, da ist ein Fehler.“ Sie nennt mich immer Buddy (gesprochen: Buddi), keine Ahnung wieso. Ich habe sie mal gefragt, sie hat gesagt:
„Keine Ahnung, so halt.“
Auch diesmal nannte sie mich Buddy und hielt mir ihr Heft unter die Nase.
Es war eine Divisionsaufgabe. Ich erinnerte mich noch dunkel ans Dividieren ohne Taschenrechner, schemenhaft tauchte eine schriftliche Division vor mir auf. Schriftliche Divisionen haben einen langen Bart aus Zahlen. Der Bart verdünnt sich nach unten hin und irgendwann steht nur noch eine Zahl da – das Ergebnis.

Wie das genau funktioniert, wusste ich leider nicht mehr.
„Wie das genau funktioniert, weiß ich leider nicht mehr“, sagte ich zu Toni. Aurélie hat ihr dann geholfen, sie ist Lehrerin und kann so etwas. Ich zog mich zurück und dachte darüber nach, wie bitter es doch ist, einer Viertklässlerin nicht mehr bei den Hausaufgaben helfen zu können.
Heute noch kaufe ich mir ein Mathebuch. Und dann dividiere ich, bis meiner Rechnung ein ellenlanger Bart gewachsen ist. Und mir auch.