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14.06.2008

Huberths Welt vom 14.06.08

Deutschland ist schön. Das darf man gerade in diesen Zeiten, da die Nation aus fußballerischen Gründen zusammenhalten muss, ruhig mal sagen. Ich bin froh, in Deutschland zu leben, denn hier gibt es grüne Wiesen, sanfte Hügel, dunkle Wälder und saubere Autobahnraststätten. Ich kann das beurteilen, denn ich habe es erlebt. Und zwar in meiner Flitterwoche.

Vielmehr: in unserer Flitterwoche, Flitterwochen begeht ein Mensch schließlich nicht allein, sondern in frisch getrauter Zweisamkeit. So auch Aurélie und ich.

Zuerst wollten wir nach Mexiko, aber Aurélie kamen bald Zweifel, ob die Wahl des Hochzeitsreiseziels tatsächlich die richtige sei.

„Du weißt doch“, sagte sie, „ich vertrage Hitze nicht so. Lass uns lieber dahin fahren, wo es nicht so heiß ist.“ Und so kam es, dass wir nach Mecklenburg-Vorpommern reisten. Das fängt auch mit ME an, unterscheidet sich aber ansonsten grundlegend vom Land der Azteken.

Wir fuhren am Tag nach unserer Vermählung los, durchquerten dabei halb Deutschland, fühlten uns pudelwohl auf sauberen Autobahnraststätten, überquerten die sanften Hügel des Harzes, passierten die grünen Wiesen Niedersachsens und landeten schließlich inmitten der dunklen Wälder Mecklenburgs. Ziel unserer Deutschlandfahrt war ein kleines Gutsschloss. Keins mit Zinnen und Türmchen und Erkerchen, aber doch ein sehr stattliches Gebäude, herrschaftlich, dem Anlass angemessen.

Es war sehr schön dort: Die Zimmer mit Himmelbetten und Kitsch-Dekor, die Haushälterin kauzig, stets in leicht gebeugter Haltung durchs Schloss schlurfend, die Hauskatze aristokratisch gelangweilt in der Sonne liegend, der Schlossherr in Samtanzug und Tüchlein in der Brusttasche würdevoll einherschreitend.

„Wie in einer Filmkulisse“, flüsterte Aurélie.

Es war eine Reise in die Vergangenheit, irgendwo ins Nirgendwo. Der Ort unserer feinen Unterkunft war klein. So klein, dass wir ihn an einem Abend problemlos ablaufen konnten, keine 40 Häuser duckten sich hinter den Pflastersteinen der altehrwürdigen Straße.

„Hach, wie in einer Filmkulisse“, seufzte Aurélie.

Wir erforschten Mecklenburg auf abseitigen Pfaden, fuhren über Feldwege und Nebensträßchen, die im Nichts zu enden schienen und uns doch plötzlich wieder in irgendein 36-Seelen-Dorf führten. Es war herrlich, die Sonne schien, der Raps blühte, die Rehlein sprangen in Hundertschaften durch die Gegend.

Und Aurélie sagte beim Anblick eines jeden Bambis: „Ui, wie in einer Filmkulisse.“

Wir besuchten Wismar und Schwerin, Kühlungsborn und schließlich Heiligendamm. Sie wissen schon, dort lud Angela Merkel vor Jahresfrist zum G 8-Gipfel. Wir waren nun mittendrin in historischer Umgebung, Vanilleeis schlotzend und alberne Hochzeitsreisenfotos schießend.

Aurélie war begeistert, sie sah sich um und rief: „Schau nur, wie in einer Filmkulisse.“

Ja, so war das. Bis wir nach Hause kamen, erschöpft, aber glücklich. Und mittendrin in den Überresten der Hochzeitsfeier landeten.

„Verdammt“, rief Aurélie. „Wie in einer Filmkulisse.“

„Hä?“, fragte ich.

„Kriegsfilm“, sagte Aurélie.