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05.05.2008

Huberths Welt vom 17.05.08

Es besteht die begründete Sorge, dass ich mir eine Sehnenscheiden-Entzündung zuziehen könnte. Nicht etwa, weil ich ständig an der Tastatur klebe und meine Hände dort Akkordarbeit verrichten müssten. Das sind die erstens gewohnt und zweitens ist die Belastung für die Sehnenscheiden eher überschaubar.

Im Internetlexikon „Wikipedia“ habe ich gelesen, dass Sehnenscheiden-Entzündungen überall da auftreten können, wo es Sehnenscheiden gibt. Das leuchtet ein. Viel wichtiger aber: Sehnenscheidenentzündungen können äußerst schmerzhaft sein und als echter Mann mag ich keine Schmerzen. Drücken Sie mir also die Daumen, dass ich von solcherlei Ungemach verschont bleibe. Aber drücken Sie nicht zu fest, denn rund um die Daumen gibt es auch Sehnenscheiden und exzessives Daumendrücken kann ganz sicher zu entsprechenden Krankheitsbildern führen.

Kommen wir nun aber zu der Frage, warum mir eine erhöhte Sehnenscheidenentzündungsgefahr droht. Schuld daran ist Toni. Gäbe es Toni nicht, hätte ich niemals erwogen, ihr ein kleines Geschenk zu machen. Wer nicht existiert, wird nicht beschenkt.

Weil aber die vielzitierten strahlenden Kinderaugen tatsächlich strahlen, sobald sie einer milden Gabe angesichtig werden, weil sie die Sonne auf- und Trübsal untergehen lassen, weil sie das Herz in munterem Rhythmus fröhlich auf und ab hüpfen lassen, weil all das so ist, bringe ich Toni bisweilen eben mal was außer der Reihe mit.

Diesmal war es ein Zauberwürfel. Sie wissen schon, das vertrackte Ding mit den sechs Seiten, alle in einer anderen Farbe, 1975 patentiert vom Ungarn Erno Rubik und Anfang der 80er-Jahre etwa 160 Millionen Mal verkauft. Als Kind hatte ich auch einen, aber ich habe nie kapiert, wie aus dieser bunten Mischung von Farben je ein harmonisches Gebilde mit sechs einheitlichen Flächen entstehen soll. Und so kaufte ich Toni einen Zauberwürfel. Zu Aurélie sagte ich, dass das ein pädagogisch wertvolles Spielzeug sei. Eins, das eine gewisse Ausdauer und Geduld erfordere sowie das logische Denken schule. Aurélie nickte und lächelte weise. Dann sagte sie: „Mal sehen, wer damit spielt.“ „Ich weiß nicht was du meinst“, sagte ich.

Sie lächelte noch ein bisschen weiser.

Toni freute sich sehr über den Würfel, mit strahlenden Kinderaugen, aufgehender Sonne und all dem Zeugs. Sie drehte gleich daran herum, verkündete nach zehn Minuten, dass der Würfel kaputt und unlösbar sei und legte ihn zur Seite.

Ich nahm ihn mir und drehte. Und drehte. Und drehte. Bald schaffte ich ohne große Mühe eine Ebene. Ich war stolz und drehte weiter. Wild. Wütend. Wahnsinnig. Als Toni auch mal wieder ran wollte, verbot ich es ihr.

„Meins“, rief ich sabbernd.

Doch ich kam nicht voran, scheiterte ein ums andere Mal an dem vertrackten Ding. Also setzte ich mich an den Computer und forschte im Internet nach der Lösung. Ich fand sie, drehte den Würfel so, wie er sein muss und betrachtete ihn. Ich war glücklich.

Fünf Minuten später war ich unglücklich. Denn ein geschenkter Sieg ist nichts wert. Also verdrehte ich den Würfel wieder. Seither knoble ich. Ohne Pause, ohne Internet, ohne Erfolg. Aber mit Schmerzen an den Sehnenscheiden.