nach oben
18.04.2008

Huberths Welt vom 19.04.08

Nun ist es amtlich: Toni besucht im nächsten Schuljahr das Gymnasium. Darüber hat sie sich sehr gefreut, was insofern erstaunlich ist, als dass es ihr bis vor wenigen Wochen noch egal war, ob sie fortan auf ihr Abitur hinarbeitet oder ob sie sich mit der mittleren Reife begnügt.

Dann jedoch unternahm ihre Grundschulklasse Ausflüge in jene drei Schulen unserer Wohngegend, in denen die Kinder vermutlich landen werden. Nach diesen Besuchen stand fest: Toni will aufs Gymnasium.

„Warum ist dir das plötzlich so wichtig?“, fragte ich sie.

„Weil!“

Das ist Tonis neueste Marotte. Mit ausführlichen Begründungen gibt sie sich nicht ab, das kostet nur Energie. Entscheidung ist Entscheidung, warum genau, geht keinen was an. Und so bekommen Aurélie und ich ständig ein zünftiges „Weil!“ entgegengeschleudert, wenn wir eine harmlose Warum-Frage stellen. Was wiederum regelmäßig zu Auseinandersetzungen führt, die dann ungefähr so ablaufen:

„Toni, das ist keine Antwort. Ich will einen richtigen Grund hören.“

„Hab' keinen.“

„Das ist Unsinn. Los! Sag'!“

„Gibt keinen.“

„Warum nicht?“

„Weil!“

Meistens gebe ich mich dann geschlagen und erinnere mich daran, dass auch ich im zarten Alter von zehn Jahren auf bohrende Fragen meiner Eltern mit der gleichen nichtssagenden Souveränität geantwortet habe. Mit gutem Grund: In dieses eine Wörtchen lässt sich so viel packen, so viel Kraft, so viel Charakter, so viel Stimmung.

Je nach Laune kann man das Wörtchen zum Beispiel in leichtem Singsang durch die Luft flattern lassen, einem Schmetterling im Frühling gleich. „Weiheil.“ Sanft pendelt das „Weiheil“ aus, schwingt nach und ein jeder weiß: Es gibt sehr wohl einen guten Grund fürs hinterfragte Handeln – und zwar einen erfreulichen. Aber eben einen, über den zu schweigen im Moment noch angebracht ist.

Es geht aber auch anders. Etwa so: „Weillll!!!“ Kurz, schnarrend, mit hartem „L“. Ein Offizier könnte so sprechen, ein strenger Lehrer, ein Vorgesetzter unter Druck. Hört man dieses schnarrende „Weillll!!!“ ist schnelles Schweigen angesagt. Einfach nicken, Kopf einziehen und nichts wie weg. Denn dieses „Weillll!!!“ verheißt nichts Gutes. Und dann ist da noch das fragende, in die Länge gezogene „Weiiil?“ Geheimnisvoll kommt es daher, neckisch, von milder Überheblichkeit. Wer derart spricht, hat oft amouröse Gründe für sein Tun, ein verborgenes Geplänkel zwischenmenschlicher Natur vielleicht.

Sie sehen, das Wort hat es in sich. Manchmal. Manchmal aber auch nicht. Dann ist es nur lustlos, matt, rotznasig. So wie bei Toni, als ich wissen wollte, warum sie sich aufs Gymnasium freut.

„Weil!“

„Das reicht mir nicht, ich will es genauer wissen.“

„Weil halt.“

„Antonia, du sagst mir jetzt auf der Stelle, warum du plötzlich nicht auf die Realschule willst. Sonst bekommen wir gewaltig Ärger.“

Sie seufzte genervt. Und dann nannte sie den Grund. Ehrlich gesagt, ich an ihrer Stelle hätte ihn auch lieber nicht genannt. Sie sagte:

„Im Gymnasium gab es bei unserem Besuch Brezeln. In der Realschule nicht.“

„Toni, das kann doch nicht dein Ernst sein!“

„Warum?“

„Weil.“