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23.05.2008

Huberths Welt vom 24.05.08

Enz, Nagold und Würm sind schöne Flüsse. An manchen Stellen gar romantisch, wilder Wuchs wuchert an den Ufern und lädt zu Alliterationen in „W“ ein. Zu Spaziergängen natürlich auch. Sogar Kanufahrer sausen schnell über die Schnellen der kleinen Schwarzwaldströme.

Was indes nicht funktioniert auf unseren heimischen Fließgewässern, ist die hohe Kunst des Segelns. Ein Floß, okay, das hat sogar Tradition. Aber ein Segelschiff auf der Enz? Kaum vorstellbar.
Trotzdem gibt es allein in Pforzheim mehrere Segelclubs. Ich weiß nicht, was diese Segelclubs machen, vielleicht treffen sie sich einmal die Woche, lassen kleine Plastik-Schiffchen in der Wanne segeln, brauen sich dazu ein paar steife Grogs und singen alte Freddy-Quinn-Lieder. „Junge, komm' bald wieder, bald wieder nach Haus . . .“ Ich werde das bei Gelegenheit mal recherchieren.

Vielleicht hilft mir ja mein Freund Ralf bei den Nachforschungen. Der ist nämlich im Segelfieber. Früher hätte mich das noch überrascht, mittlerweile nicht mehr, denn Ralf ist immer in irgendeinem Fieber. Fahrradfahr-Fieber, Kanu-Paddel-Fieber, Französisch-Lern-Fieber, Aufwendige-Gerichte-Koch-Fieber und jetzt also Segeln-ohne-Meer-Fieber.

Vergangenes Jahr war er mit Bekannten aus einem Segelclub – sie hatten gerade genug vom Badewannenplastikschiffchensegeln – vor den Küsten der Niederlande unterwegs, in rauem Gewässer, mit einem Schuss Abenteuer und einer Prise Lebensgefahr. Seither begleitet ihn das Thema unentwegt. Mich leider auch.

Ralf erzählt zum Beispiel mit Vorliebe von seinem Segelschein, den er demnächst besitzen will. Die theoretische Prüfung hat er schon hinter sich, er ist guter Dinge, sie bestanden zu haben. Der praktische Test folgt alsebald, und Ralf übt schon kräftig.

Nicht in der Badewanne, jedenfalls nicht nur. Nein, Ralf unternimmt Fahrten an den Bodensee und nach Österreich. Nach Österreich! Das Land der Küsten und Meere und seglerfreundlichen Winde. Ich habe ihn ausgelacht, aber er verkündete in der ihm eigenen besserwisserischen Art, dass es ihn an den Neusiedler See gezogen habe, wo es sich wunderbar segeln ließe.

Als er vom Neusiedler See zurückkehrte, verkündete er kleinlaut, dass sämtliche Segelschulen geschlossen waren und er nicht in den großen weiten See gestochen, sondern um ihn herumspaziert sei. Aber das tat seiner Freude am Wassersport keinen Abbruch.

Wenn Ralf etwas macht, dann mit ganzem Herzen. Mit Eifer, mit Einsatz, mit Inbrunst. Zwar gibt er seine Hobbies genauso schnell wieder auf, wie er sie angefangen hat, aber bis dahin zieht er voll durch.

Als er seine Zeit auf dem Rad verbrachte, war das noch okay. Klar, ein neues Fahrrad musste her, das war zwar teuer, aber bezahlbar. Und Französischkurse hat er belegt, für gutes Geld, doch nichts, was ihn in den Ruin getrieben hätte.

Jetzt aber warte ich auf den Tag, an dem er verkündet, sich ein Segelboot kaufen zu wollen. Wahrscheinlich versetzt er Frau und Kind auf irgendeinem orientalischen Markt und ersteht vom Erlös einen Luxussegler.

Immerhin, wenn das Segelhobby vorbei ist, hat er gleich ein Neues: Wie bekomm' ich Frau und Kind zurück?