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26.04.2008

Huberths Welt vom 26.04.08

Es geschah im Jahre 1992, dass eine ältere Dame, Stella Liebeck, von Kaffeedurst geplagt an den Drive-In-Schalter einer namhaften Schnell-Restaurant-Kette fuhr. Sie orderte einen Becher des braunen Wachmachers und klemmte nach Übergabe den Plastikbehälter zwischen ihren Oberschenkeln fest, um die Hände zwecks Steuerung des Autos freizuhaben.

Nun aber wollte es die Schwerkraft, dass beim Beschleunigen des Autos der Kaffee überschwappte und die Beine der damals 79-Jährigen benetzte. Leider war es kein kalter, sondern ausgesprochen heißer Kaffee, derart heiß, dass Frau Liebeck sich Oberschenkel und Unterleib schwer verbrühte.

So weit, so unglücklich. Weil aber Frau Liebeck in den USA lebte und ihren Kaffee dort erstand, klagte sie gegen die Bulettenbraterei und verlangte Schmerzensgeld. Die Restaurantkette hätte, so Liebeck, darauf hinweisen müssen, dass der Kaffee heiß ist. Die Klage hatte Erfolg: Stella Liebeck erhielt 2,9 Millionen Dollar Schmerzensgeld.

Seither gibt es jedes Jahr den sogenannten Stella-Award für jene erfolgreich durchgefochtene Schmerzensgeld-Klage, die trotz abstrusen Inhalts jede Menge Bares bringt. Und in den großen Weiten des Internets kursieren jede Menge kurioser (nun gut: irrsinniger) US-Gerichtsurteile, die den Kläger reich gemacht haben sollen.

Die meisten dürften zwar ein Fake sein, aber gut erfunden sind sie allemal. Um ähnliches Ungemach zu verhindern, gehen viele Unternehmen in ihren Bedienungsanleitungen, Sicherheitshinweisen und Warnungen bis ins kleinste Detail.

Vielleicht hängt damit zusammen, was ich kürzlich auf einem Ticket entdeckte, das zum Eintritt ins Theater berechtigt. Diese Karte nämlich war versehen mit folgendem, überaus wertvollem Hinweis: „Ticket bitte nicht erhitzen“. Gut, dass das da stand. Sekunden vorher hatte ich nämlich noch darüber nachgedacht, dass so ein leckeres, warmes Ticket jetzt genau das richtige wäre. Wirklich, warme Tickets sind ein Genuss.

Manche erhitzen sie ja gerne in Milch, auf dass sie sich auflösen wie Gelatine oder Kakaopulver und dem Getränk feinstes Theaterticketaroma verleihen. Andere braten die Tickets lieber in Olivenöl an, gut gewürzt mit Salz, Pfeffer und Edelpaprika und dann ab aufs Laugenbrötchen, als kleiner Snack für zwischendurch.

Ich hingegen bevorzuge die Variante im Backofen. Aber schön langsam garen, bei 80 Grad drei Stunden in den Ofen und das Ticket ist so zart wie ein frisch geschlüpftes Entlein. Da braucht es kein Messer, nein, das Ticket lässt sich mühelos mit der Gabel teilen. Dazu ein feines Kartoffelgratin, ein wenig Gemüse der Saison – wahrhaft, ein Theaterticketgedicht.

Es gibt nur zwei Nachteile. Erstens: Nach dem Erhitzen und dem Verzehr des Tickets ist es als Eintrittskarte völlig untauglich geworden. Zweitens: So gut so ein Ticket auch mundet – nach erfolgter Mahlzeit wird mir regelmäßig schlecht.

Ich habe sogar schon erwogen, den Theatereintrittskartenhersteller zu verklagen, wegen Schmerzensgeld und so. Bringt nur nix. Schließlich ist der Hinweis nicht zu übersehen: „Tickets bitte nicht erhitzen“. Obwohl: Eine Warnung vor dem Verzehr konnte ich nirgends entdecken. Manche verspeisen Tickets bestimmt gerne im Rohkostsalat.

Schade, dass ich nicht in den USA lebe. Dann wäre mir der Stella-Award so gut wie sicher.