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31.05.2008

Huberths Welt vom 31.05.08

Meine Eltern schenkten mir ein Rennrad, als ich zwölf Jahre alt war. Es war silberfarben, schick und hatte zehn Gänge. Leider dauerte es nicht lange und das Rad war kaputt. Erst ein notdürftig geflickter platter Reifen, dann eine ruinierte Gangschaltung und schließlich zerfetzte Bremsseile. Ich hatte nicht viel Freude an dem Fahrrad. Mein Vater auch nicht. Wann immer das Rad in sein Blickfeld fiel, sah er mich strafend an und sagte: „Du bekommst auch alles kaputt.“

Daraus ist ein übler Komplex entstanden. Nein, zwei üble Komplexe. Erstens glaube ich noch heute, dass ich alles kaputt bekomme, obwohl das bei neutraler Betrachtung gar nicht stimmt. Und zweitens kann ich Fahrräder nicht leiden.

Ich weiß, dass ich es an dieser Stelle schon einmal geschrieben habe, aber ich möchte es wiederholen: Ich habe keinerlei Verständnis für Typen wie meine Kollegen Aurich, Bernhagen und Knöferl, die Stunden auf dem Rad verbringen, durch die halbe Welt düsen, dabei von Zeit zu Zeit stürzen und abends mit schmerzenden Beinen ins Bett fallen, wo sie nicht einmal auf dem Rücken liegen können, weil der Hintern wund ist.

Ich fahre nur höchst selten Fahrrad, manchmal zum Bahnhof, noch seltener ein paar Kilometer mit Aurélie und Toni. Zum Glück jammern die beiden nach spätestens einer halben Stunde, dass alles so anstrengend sei und sie wieder nach Hause wollen. Das gibt mir Gelegenheit, mich über das faule Duo zu erheben, zu schimpfen, dass sie Jammerlappen seien und mich um mein Vergnügen auf dem Drahtesel bringen.

Insgeheim bin ich natürlich froh, wenn ich mich dank meiner Damen schnell wieder aufs Sofa verziehen kann. Mehr gäbe es dazu eigentlich nicht zu sagen – wenn ich nicht so ein konsumorientierter Mensch wäre. Sehe ich irgendwo eine Möglichkeit, mein Geld sinnlos auszugeben, stürze ich mich mit Wonne darauf. Erst recht, wenn andere haben, was ich nicht habe. Zum Beispiel ein neues Fahrrad.

Vergangenes Jahr erstand Aurélie einen modernen Drahtesel (den sie praktisch nie benutzt), vor einigen Wochen haben wir Toni ein neues Rad geschenkt. Nur ich hatte noch meinen alten Gaul im Keller stehen. Das gefiel mir gar nicht.

Also keimte in mir der Gedanke, dass es doch eine feine Sache sei, wenn auch ich mir ein extravagantes Fortbewegungsmittel zulegen würde. Wir wären dann fast so etwas wie eine Fahrradfamilie, jedenfalls auf den ersten Blick. Drei moderne Sportgeräte, für jeden eins, wenn das nicht Eindruck macht. Muss ja keiner wissen, dass die Dinger in erster Linie im Keller stehen.

Ich machte mich also auf die Suche nach einem adäquaten Ersatz für mein Vorkriegsradl. Alsbald wurde ich fündig, die Werbung pries es an, der Verkäufer pries es an, das Preisschild pries es an. Ich kaufte es.
Jeden Tag gehe ich seither in den Keller und betrachte es stolz. Es ist, ich habe es nachgelesen, ein Herren Trekking Bike, 28 Zoll, Shimano Deore XT 24-Gang, Suntour-Federgabel einstellbar, Naben-Dynamo, Standlicht vorne und hinten, Federsattelstütze, Multifunktionslenker, Hohlkammerfelgen. Vor allem aber glänzt es noch ein bisschen schöner als die Räder von Toni und Aurélie.

Und wenn es brav ist, nehme ich es vielleicht sogar mal mit zu einer Ausfahrt.