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Spurensicherung:  Der Amokschütze Tim K. schoss wahllos durch Scheiben und Türen.
Spurensicherung: Der Amokschütze Tim K. schoss wahllos durch Scheiben und Türen.
© Preiss, ddp

„Jetzt ist nichts mehr so wie vorher“

LEUTENBACH/WINNENDEN. Es ist 9.27 Uhr, als gestern ein junger Mann im Kampfanzug in die Albertville-Realschule in Winnenden stürmt. Der 17-jährige kennt die Schule gut, er hat hier im Sommer seinen Abschluss gemacht.

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Seit halb elf Uhr am Vormittag kommt Jutta Lautenschlager in ihrem Laden – Postfiliale, Quelle-Shop, Kaffeetheke und Zeitschriftenladen in einem – nicht mehr zur Besinnung. Direkt neben dem Laden an der Hauptstraße der 3200-Seelen-Gemeinde Weiler am Stein, das zu Leutenbach gehört, keine fünf Kilometer von Winnenden entfernt, rollte am Vormittag die Polizei in Mannschaftsstärke an, bewaffnete und zivile Beamte mit einem halben Dutzend Fahrzeugen; und in ihrem Schlepptau mit kurzer Verzögerung Dutzende von Journalisten und Kamerateams, und seitdem steht die Ladentüre nicht mehr still.

Ihr Ziel: Ein modernes, großzügiges weißes Einfamilienhaus der gehobenen Klasse, ein wenig zurückgesetzt von der Hauptstraße und von einem kleinen Grundstück umgeben: das Elternhaus von Tim K., dem 17-jährigen Amokläufer, der gestern um kurz nach halb zehn in der Albertville-Realschule in Winnenden ein Blutbad begann, das Winnenden und die umliegende Region für Stunden in den Ausnahmezustand versetzte. Am Ende wurde Tim K., der zuvor 15 Menschen getötet und mindestens zwei weitere schwer verletzt hat, nach stundenlanger Flucht in einem Industriegebiet von Wendlingen im Kreis Esslingen von der Polizei gestellt und soll sich nach einem Schusswechsel, bei dem er angeschossen wurde, selbst getötet haben, wie es am Abend hieß. Neun tote Schüler zwischen 14 und 15 Jahren, drei getötete Lehrerinnen, darunter eine Referendarin, die erst vor vier Wochen den Dienst angetreten hatte, drei erschossene Passanten – so die grauenhafte Bilanz der Tat von Tim K., der am Ende selbst sein Leben ließ.

„Ganz normale Familie“

Jutta Lautschlager ist schockiert und fassungslos, wie alle Kunden, die in ihren Laden kommen und von Kamerateams belagert werden. Es gibt nur ein Gesprächsthema an diesem Tag: Die furchtbare Tat des 17-jährigen Tim K. Die Ladenbetreiberin kennt die Familie, die nur wenige Meter entfernt wohnt, „natürlich“, sagt sie, „hier kennt man sich“. Der Vater betreibt in einem Nachbarort ein kleines Unternehmen, die Mutter soll aus Weiler stammen, die Kinder – zur Familie gehört neben Tim noch eine jüngere Schwester – seien „ganz normal“ gewesen. Das einzig Auffallende an dem 17-jährigen Amokläufer seien die überdimensionalen Koteletten gewesen, die sich der schwarzhaarige Junge stehen ließ. Der Zugang zum Elternhaus abgesperrt, die Rollläden des Hauses sind heruntergelassen, die Familie von der Polizei in Sicherheit gebracht, „die werden so schnell auch nicht wieder kommen“, vermutet ein Polizeibeamter vor Ort, „jetzt ist nichts mehr wie vorher hier“.

Der 19-Jährige Michael V., der direkt gegenüber nur einen Steinwurf vom Haus der Familie K. wohnt und zwei Klassen über Tim die Realschule besuchte, kennt Tim schon von Kindesbeinen an. Tim sei eher zurückhaltend gewesen, aber durchaus integriert, berichtet Michael V. erstaunlich gefasst und gelassen der Presse, habe lange und auch erfolgreich Tischtennis im Verein gespielt und sich erst vor einiger Zeit zurückgezogen und wohl mehr Zeit am Computer zugebracht.

Tim sei zudem, berichtet Michael V., im Besitz von mehreren so genannten Softair-Waffen gewesen, offenbar nichts Ungewöhnliches bei der Dorfjugend: Auch Michael V. berichtet, mit Tim und einigen Freunden früher einige Male mit solchen Waffen „gespielt“ zu haben, „ganz harmlos und nur aus Spaß“. Tim habe sich aber immer mal wieder nicht an die ausgemachten Regeln gehalten und die Waffen auch schon mal so geladen „dass es wehtun konnte“, und deshalb, so der Nachbar, hätten er und seine Freunde diese Spiele mit Tim abgebrochen. Mindestens 20 solcher Softair-Waffen soll Tim K. besessen haben, darunter – angeblich mit Einverständnis des Vaters, der selbst eine legale Sammlung Schusswaffen besitzt, aus der offenbar auch die Tatwaffe stammt– auch einige, die erst ab 18 Jahren erhältlich sein sollen.

Freunde eingeladen

„Er war schon einer, der gerne zeigen wollte, was er alles besitzt, das kam bei manchen, die nicht so viel hatten, nicht so gut an“, berichtet Michal V., „er hatte ein Tischfußball im Zimmer, einen Fischteich im Garten, einen Computer und jede Menge Videos, auch Horrorvideos.“ Immer wieder habe Tim andere Jugendliche eingeladen, mit ihm Videos zu schauen. „Ich fand das schon skurril und habe dann auch nichts mehr mit ihm gemacht“, sagt der 19-jährige Nachbar. Zugetraut freilich hätte er dem einstigen Spielgefährten eine solche Bluttat niemals, „so wenig wie jedem von uns“, und auch sonst sei nicht zu bemerken gewesen, dass Tim irgendwie abzurutschen drohte, auch, wenn es in der Schule offenbar nicht gut lief für ihn. Tim habe zwar Probleme mit Lehrerinnen gehabt, speziell mit einer, die sehr demotivierend im Umgang mit den Schülern gewesen sei, berichtet Michael V., aber das sei nichts Ungewöhnliches gewesen, „diese Probleme hatte ich und hatten andere auch“.

Autor: Ulrike bäuerlein

11.03.2009
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