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20.01.2012

Journalismus im Krieg

254 Journalisten kamen im Zeitraum von 1994 bis 2002 in Krisengebieten ums Leben. In wenigen Wochen starben außerdem neun Journalisten im Irak, in Afghanistan acht. Bei 73% der Journalisten wird davon ausgegangen, dass sie vorsätzlich getötet wurden, nur weil sie von vorderster Front berichten wollten. Das ist die traurige Wahrheit über diejenigen, die uns Tag für Tag mit Informationen beliefern, von der die Forscherin Elke Schäfter berichtet.

Kriegsberichterstatter riskieren ihr Leben, um die Sensationsgier der Menschen, die viele Kilometer weit weg leben, mit aufsehenerregenden „News“ zu befriedigen. Ob die Kriegsberichterstatter diese Gefahren jedoch nur auf sich nehmen, um ihren Job zu machen, ist zweifelhaft. Manchen von ihnen geht es vielleicht um den Ruhm und die Ehre, die sie erlangen. Vielleicht liegt es auch an der lohnenswerten Bezahlung oder an der Abenteuerlust der Journalisten? So verschieden die Beweggründe auch sein mögen, das Ergebnis bleibt das Gleiche: die Befriedigung der Gier nach Sensationen.

Nicolas Born beschreibt in seinem Roman „Die Fälschung“ aus der Sicht des Protagonisten

Georg Laschen, dass Kriegsberichterstatter im Prinzip nur das schreiben, was die Leser lesen wollen. Auch wird deutlich, dass die Leute „blutige Schlachten“, wie Born es ausdrückt,

brauchen, um in Frieden leben zu können. Dass jeder Journalist nur versucht, seine Leser zufrieden zu stellen, kann man natürlich nicht behaupten. Hauptsächlich dient die Kriegsberichterstattung, wie der Name sagt, der Berichterstattung. Der Leser will schließlich informiert werden, was in der Welt passiert. Manche Berichte haben auch einen aufklärerischen Charakter, der die Leser abschrecken und ihnen klarmachen soll, dass Krieg eben nicht das faszinierende Spektakel ist, für das er oft gehalten wird, sondern vor allem Leid, Schmerz und Tod bringt. Dann kommen Bilder wie das von Nick Út ins Spiel. Man sieht schreiende, weinende Kinder in Richtung Kamera rennen. Die Gesichter sind vor Schmerz verzerrt, die Münder weit aufgerissen. Eines der Kinder, ein Mädchen, ist nackt, und hat die Arme ausgebreitet. Mit schlimmen, durch Napalm verursachten, Verbrennungen fliehen sie aus einem irrtümlicherweise durch südvietnamesische Flugzeuge bombardierten Ort. Nick Út wurde für dieses Bild, das eines der berühmtesten aus dem Vietnamkrieg ist, mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Doch obwohl solche schrecklichen Dinge passieren, sind Journalisten teilweise gezwungen, Kriegsverherrlichendes zu schreiben. In Kriegszeiten möchte die Regierung die Unterstützung der Medien, um öffentliche Unterstützung sicherzustellen. Wenn es nötig ist, wird auch gelogen. Betrachten wir als Beispiel Amerika zu Zeiten des Irakkrieges. Die sogenannten „embedded journalists“ („eingebettete Journalisten“), Journalisten, die eine Zeit lang ein spezielles Militärtraining - ähnlich dem eines Boot Camps - absolviert haben und danach einer Militäreinheit zugewiesen worden sind, können später gar nicht davon berichten, dass sich auch die Amerikaner manchmal geschlagen geben müssen, weil die Bevölkerung so etwas nicht erfahren darf, damit sie nicht am erfolgreichen Ausgang des Krieges zu zweifeln beginnt. Es darf nur das berichtet werden, was für einen Krieg spricht. Aus persönlicher Überzeugung, Patriotismus oder aus Gruppenzwang, berichten Journalisten von den Erfolgen des amerikanischen Militärs. Medienbosse schließen sich den Lügen an, machen sie publik, weil sie sich daraus kommerzielle Erfolge erhoffen. So kommt es zu einer Manipulation eines ganzen Volkes.

Bisher wurde immer nur die Seite der Amerikaner beleuchtet, und deren Angriffe wurden legitimiert. Die Gründe für die Gegenangriffe - die sehr wohl wichtig waren - drangen gar nicht ans Licht. Die Wahrheit ist also auch eines der Opfer im Krieg, das erste, wie Hiram Johnson, ein amerikanischer Senator, 1917 sagte. Da ist es leicht, sich auf eine Seite ziehen zu lassen. Vor allem, weil - laut General Clark, dem Nato-Oberbefehlshaber im Kosovo-Krieg - Worte und Bilder entscheidende Waffen im Krieg sind, und die Heimatfront der wichtigste Kriegsschauplatz ist. Wenn schockierende Bilder, wie das von Nick Út, auftauchen, wird jedem klar: der Kriegt bringt nur Leid und Schmerz, er ist nicht gerechtfertigt. Werden solche Bilder gezeigt, bei denen die Gegner an den Missständen Schuld sind, ist der Krieg legitimiert. Trotzdem ist eine „humanitäre Intervention“, wie manche Kriege heutzutage auch genannt werden, ein „Konflikt“, wenn man es milde ausdrückt, der nicht mehr und nicht weniger als Leid, Schrecken und Tod bringt. Auch für Unbeteiligte, wie die Reporterin Carolin Emcke, die unter Anderem aus Gebieten wie dem Gaza-Streifen oder Kosovo berichtet, schreibt. Nicht nur Soldaten sterben qualvolle Tode, sondern auch Frauen und Kinder, sowie Journalisten „die nicht ausgezogen waren um zu kämpfen, sondern die Schrecken des Krieges zu bezeugen.“ Tina Kratochwill