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27.06.2008

Juristen können Tod nicht regeln

Der Tod geliebter Menschen, die Debatte um die Sterbehilfe, die Opfer von Kriegen und Naturkatastrophen erinnern an unsere Vergänglichkeit. Aber wie gehen wir in einer modernen Industriegesellschaft, die die medizinisch-technische Verlängerung des Lebens möglich gemacht hat, zugleich aber religiöse Vorstellungen des Todes zunehmend verpönt, mit dem Sterben um? Der schnelle Tod mit der Giftspritze oder das Abschalten lebenserhaltender Geräte wird vor allem von Menschen als Alternative gesehen, die große Qualen oder das Ende der Selbstbestimmung fürchten.

Wenn schon sterben, dann wenigstens würdevoll. Dies ist aus guten Gründen Mehrheitsmeinung in der Bevölkerung, die gleichsam unterstellt, dass die Würde des Menschen im Sterben überhaupt abhanden kommen kann. Damit das nicht geschieht, wäre also der Tod rechtzeitig herbeizuführen und nur noch zu klären, wer dabei wie beteiligt sein darf, ohne Bestrafung fürchten zu müssen. Ist es wirklich so einfach?

Der Vorschlag vieler Ethiker, dem Patientenverfügung mehr juristisches Gewicht zu verschaffen, mag aus Sicht verunsicherter Ärzte sinnvoll scheinen. Aber lässt sich gesetzlich entscheiden, ob der gesunde Mensch ebenso empfindet wie jener im kranken Zustand, in der Krise um Leben und Tod? Nein! Selbstbestimmung könnte sich in diesem Kontext als Selbstbetrug der modernen Gesellschaft entpuppen. Was lebensverlängernd und sinnvoll und was lebensverlängernd und nicht sinnvoll ist, vermag keiner mit Sicherheit zu sagen, wenn die entscheidende Zeile in einer Patientenverfügung auszufüllen ist. Im Verlauf schwerer Krankheiten verändern Menschen oft ihre Haltung und Erwartungen; das lehrt das Leben, und das weiß die Wissenschaft.

Sterben ist ein Tabu in unserer Gesellschaft. Das heißt, schon die Vorstellung vom selbstbestimmten und nur dann auch würdigen Abgang setzt Kranke ebenso wie deren Angehörige und Freunde unter Druck. Aufwertung der Hospizbewegung durch den Gesetzgeber, Hilfe für die Angehörigen, bessere Arbeitsbedingungen für das Pflegepersonal – Maßnahmen wie diese wären sinnvoller als neue Gesetze. Es gibt Bereiche, aus denen sich der Staat zurückhalten sollte. Die Entscheidung über das eigene Leben gehört dazu.

Kein Patient kann zum Weiterleben verpflichtet werden. Jedes Dekret, das dieses Selbstbestimmungsrecht einschränkt, läuft aber auf einen solchen Zwang hinaus. Die wichtigste Aufgabe des Gesetzgebers ist es jetzt, Verfahren dafür zu finden, die sicher stellen, dass dem Willen des Betroffenen Rechnung getragen wird. Doch auch die Sorgen der Ärzte gilt es zu achten: Kein Mediziner darf gezwungen werden, Menschen bedingungslos auf deren Verlangen beim Sterben zu helfen.