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17.06.2008

Köhlers Berliner Rede

Es war Horst Köhler pur: Große Nähe zur Tagespolitik und klare Worte an die Adresse der Regierenden prägten auch die dritte Berliner Rede des amtierenden Bundespräsidenten. Vom undurchsichtigen Steuersystem bis zur halbherzigen Bildungspolitik nannte Köhler all das beim Namen, was Parteien Bauchschmerzen und Wählern Sorgen macht.

Daher rührt auch seine Beliebtheit: Was von der politischen Kaste als Anmaßung und Populismus gescholten wird, empfinden viele Deutsche als die angenehmste Art von Bürgernähe. Köhler gehört zu den wenigen Spitzenkräften in der Politik, die den Menschen das Gefühl geben, dass sie deren Sorgen Ernst nehmen.

Seine Rede konnte man auch als Signal an alle Kritiker verstehen: „So bin ich, ob ihr wollt oder nicht“ – diese Haltung strahlt Köhler seit jeher aus und pflegt sie weiter – auch wenn inzwischen eine Gegenkandidatin für die Präsidentenwahl im kommenden Jahr feststeht. Zwar hatte wohl gestern niemand einen weichgespülten Präsidenten erwartet – doch dieses Ausrufezeichen hinter all das, wofür Köhler seit seinem Amtsantritt steht, hätte kaum kräftiger ausfallen können.
Klar: Für seine Kritiker muss diese Rede mal wieder ein Graus gewesen sein – wer einen Grüß-Gott-Sager im Schloss Bellevue für angemessen hält, hat an diesem Bundespräsidenten tatsächlich einiges auszusetzen. Wer aber ein Staatsoberhaupt mit ausgeprägtem Mut zur eigenen Meinung vorzieht, der sollte sich an Horst Köhler und seiner Einflussnahme freuen. Den Bürgern wird sie nicht schaden.