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20.01.2012

Kriegsberichterstattung - Journalismus zwischen Objektivität und Märchenstunde

Viele Menschen weltweit sorgen sich um Krieg, sind es die streitenden Parteien, die ihren Willen durchsetzen möchten, sind es die Nachbarländer, die auf ein baldiges Ende hoffen, sind es die Kriegsverletzten und die, die sich fürchten, sind es die Journalisten oder auch der Normalbürger, der gemütlich vor seinem Fernseher sitzt, die Zeitung liest oder aufmerksam die Nachrichten verfolgt.

Karl Kraus, ein Essayist, sagt über den Krieg „Zuerst die Hoffnung, daß es einem besser gehen wird, hierauf die Erwartung, daß es dem anderen schlechter gehen wird, dann die Genugtuung, daß es dem anderen auch nicht besser geht, und hernach die Überraschung, daß es beiden schlechter geht.“ Mit diesem Zitat meint Karl Kraus, dass der Krieg nur negative Seiten hat. In einem Krieg gibt es nie eine wirkliche Gewinnerseite, alles und jeder wird vernichtet, es tobt die Zerstörung, die Bevölkerung leidet und welche positiven Seiten sollte es nun noch geben? John F. Kennedy meinte „[die] Menschheit muss dem Krieg ein Ende setzen oder der Krieg setzt der Menschheit ein Ende.“ Wenn der Mensch Kriege nicht unterbindet, dann sterben noch mehr unschuldige Menschen. Er vermutet dies ginge solange, bis es entweder keine kriegsfähigen Menschen mehr gäbe oder bis die Länder den Verstand aufbringen würden, den Krieg zu unterbinden. Britische Forscher untersuchten in einer Studie, wie viele Menschen bislang im Krieg elend ein Ende fanden. Sie kamen zu erschreckenden, furchtbaren Erkenntnissen. In 13 Ländern mussten in der Zeit zwischen 1955 und 2002, 5,4 Millionen Menschen ums Leben kommen. Allein in Vietnam waren es 3,8 Millionen. Danach verglichen die Wissenschaftler ihre Zahlen mit denen des „International Peace Research Institute“ und des „Uppsala Conflict Data Programm (UCDP)“ und stellten fest, dass die korrekten Zahlen dreimal so hoch waren, wie die bekannten Zahlen. Doch was passiert, wenn ehrliche und grauenvolle Zahlen verhüllt bleiben und die Wahrheit verschleiert wird? Was passiert, wenn wir mit „Wissen“ gefüttert werden, wie ein hungriger Löwe, mit Wissen, das gar nicht korrekt ist? Was passiert, wenn Menschen auf fremde Informationen angewiesen sind und diese sofort glauben? Was passiert, wenn wir unser Gehirn nicht mehr benutzen? Kann man uns dann alles verkaufen? Sind wir Menschen so naiv und leichtsinnig?

Viele Menschen lesen Artikel, überfliegen sie, glauben alles und hinterfragen nichts.  Sie sind nicht selbstständig genug, zu denken und abzuwägen, ob ihnen die Wahrheit erzählt wird, oder ob sie einen Bären aufgebunden bekommen. Warum hinterfragen die Menschen nicht, wie es im Krieg zugeht und ob das, was man ihnen an „wahrer“ Information vorsetzt, sich auch tatsächlich durch Faktentreue auszeichnet. Der Dokumentarfilmproduzent Sebastian Junger hat das getan. Er produzierte den Oscar-nominierten Film Restrepo, der den Afghanistankrieg 2010 behandelt und nur aus der Sicht der Soldaten erzählt. Er zeigt ehrlich und ungeschönt den Alltag der Soldaten und öffnet den Zuschauern auf brutalste Weise die Augen. Bei diesem Film bleibt kein Zuschauer unbeteiligt, Menschen sterben elend, Kinder werden gejagt und verletzt. Sebastian Junge ist ein Kriegsjournalist, der sich zur Aufgabe gemacht hat, die Menschen aufzuklären, was immer es koste.

Doch nicht jede Kriegsberichterstattung von Journalisten ist ehrlich und zeigt das Leid der Menschen. Es gibt auch noch eine andere, eine dunkle Seite. Viele deutsche Journalisten drucken das, was ihnen von der Deutschen Presseagentur vorgegeben wird. An der Deutschen Presseagentur wird allerdings immer wieder Kritik geübt. Beispielsweise stand sie schon in der öffentlichen Kritik wegen der Fälschung von Zitaten (bei der Wiedervereinigung Deutschlands). Der Agentur wird zum Teil vorgeworfen, sie stünde in Regierungsnähe und dies würde sich in der Berichterstattung niederschlagen.

Aber was soll man als Reporter tun, wenn man nicht das Vorgegebene drucken möchte? Richtig, man muss selbst ins Kriegsgebiet reisen. Wenn der Journalist es geschafft hat, unversehrt das Krisengebiet zu erreichen, dann kommt er oftmals gar nicht an die Brennpunkte. Meistens erhalten die Journalisten nicht die notwenigen Genehmigungen, um sich frei bewegen zu können. Als Kriegsbetroffener, der Todesangst hat, ist man auch nicht gewillt, einem neugierigen Reporter Auskünfte zu geben, für die man eventuell mit dem Leben bezahlen muss. Auf der anderen Seite muss man als Reporter mutig und furchtlos sein, um in ein Kriegsgebiet zu reisen. Ehe man sich versieht, kann man in gefährlichen Situationen stecken, man sieht und hört überall Leid und Schmerz. Als Kriegsberichterstatter kann man sich das Leben erheblich erleichtern, indem man sich nach einheimischen Kontaktmännern umschaut. Sie sprechen die jeweilige Landessprache und liefern Informationen aus erster Hand. Sie sollten gute Verbindungen haben, um an wichtige Informationen zu kommen. Ohne Verbindungen kommt man im Kriegsgebiet nicht bis zum nächsten Taxi. Doch solch ein Kontaktmann ist nicht nur eine Erleichterung für einen Journalisten. Der Journalist muss auch hier kritisch hinterfragen, was ihm erzählt wird. Jeder Mensch gewichtet Situationen anders. Man muss einschätzen können, wie stark der Einheimische Situationen ausschmückt, oder ob er eigene Interessen verfolgt. Dies ist überaus wichtig, damit der Kriegsbericht sachlich und objektiv wird.

Doch einen besonderen Aspekt sollten wir uns noch genauer betrachten. Es gibt ein Land, das in Zeiten des Irakkrieges ganz neue mediale Möglichkeiten erzeugt hat: Trommelwirbel für die Seite der amerikanischen Manipulation. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten gibt es Journalisten, die man „embedded journalists“ nennt. Sie werden von Amerika als „freie“ Journalisten ausgewählt, die während ihres Aufenthalts im Krisengebiet einer Militäreinheit zugeordnet werden. Bevor sie überhaupt ihre „ehrliche und freie Arbeit“ verrichten dürfen, besuchen sie Spezialtrainings, die den „Boot Camps“ (das sind intensive Strafcamps für Jugendliche mit militärischen Trainingseinheiten) ähneln. Die amerikanischen Reporter müssen sich einem Regelkatalog verpflichten. In ihm ist geregelt, was sie in ihrem Bericht schreiben dürfen und welche Informationen der Bevölkerung zugänglich gemacht werden dürfen. Als mündiger Bürger stellt man sich dann die Frage, warum anscheinend freie Journalisten sich an Schreibregeln halten müssen? Diese Frage beantwortet ich mit Friedrich Nowottny, einem deutschen Journalisten, folgendermaßen: „Der Blick des Journalisten fällt durch den Sehschlitz eines Panzers, und der ist nicht sehr groß.“ Man könnte das wie folgt interpretieren, nämlich, dass die meisten Journalisten nur das sehen, was Regierungen ihnen vorgeben, und solche Reporter zweifeln nicht an diesem Blickwinkel. Mit derlei Wissen muss man sich als Bürger die Frage stellen, ob man so einem Report dann Glauben schenken darf? Oder ob man so einem Report Glauben schenken will?

Jeden Tag wird uns aufs Neue eine nette, stimmige Geschichte aufgetischt. Gut zubereitet und knusprig kross. Das ist schön und gut, aber was können wir noch glauben? Als Leser muss man kritisch Informationen hinterfragen, nicht einfach hinunterschlucken. Man braucht ein gewisses Maß an Kritik und Misstrauen. Jedoch muss man den Informationen zu einem Gutteil auch vertrauen, da die Berichte von Journalisten für die Normalbevölkerung die einzige Chance sind, an detaillierte Informationen über den Krieg zu gelangen. Die Kriegsberichterstatter geben im Normalfall ihr Bestes und wollen gute und wertvolle Artikel veröffentlichen, die die Menschen aufklären. Die Journalisten wiederum müssen auf die Quellen vertrauen, die sie haben.

Leider bestätigt in allen diesen Fällen die Ausnahme die Regel. Es gibt Reporter, die - wissentlich oder nicht wissentlich - von der Regierung manipuliert werden und somit letztlich die Bevölkerung manipulieren. Reporter, die nicht auch aus Idealismus schreiben,  sind leider ein nutzbares Werkzeug für all jene, die über ihnen stehen - leicht zu beeinflussen und leicht zu handhaben. Diese Reporter sind darauf aus, „große“ Artikel zu schreiben, Ruhm zu erhalten und Geld zu verdienen. Sie sind weniger an der Wahrheit interessiert.

Als Leser sollte man - auch deshalb - grundsätzlich alle Artikel wohlwollend und doch kritisch hinterfragen. Amelie Stang