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06.02.2009

Krise im Vatikan

Die lateinische Messe nach altem Ritus ist das zentrale Symbol für die Konservativen in der katholischen Kirche. Sie atmet den Geist der Gegenreformation und ist die Brücke ins Mittelalter – kurz: das Anti-Programm zu Martin Luther. Für ihn galt der Priester im Gottesdienst nur als Erster unter Gleichen, dass also die Gemeinschaft im Vordergrund steht und der Gottesdienst für jeden verständlich in der Landessprache ablaufen soll. Dagegen schrieb das Konzil von Trient im 15. Jahrhundert mit seiner tridentinischen Messe genau das Gegenteil fest: Der Priester bildet das Zentrum – und spricht nur Latein.

Seit 2007 darf diese tridentinische Messe wieder zelebriert werden – eingeführt vom ersten deutschen Papst seit über 500 Jahren. Als im Frühjahr 2005 Joseph Ratzinger zum Oberhirten gewählt wurde, fürchteten reformorientierte Katholiken die Rückkehr ihrer Kirche zu einem streng konservativen Kurs. Benedikt jedoch gab sich zunächst weltoffen und versöhnlich. Aber nicht lange.
Denn der Freigabe des tridentinischen Ritus‘ gingen bereits konservative Entscheidungen und Erklärungen des Papstes in Sachen Homosexualität, Abtreibung, Zölibat und der Stellung der Frau in der Kirche voraus. Die Wiedereinführung der alten Messe darf zweifellos als Wendepunkt hin zu einer anderen, einer reaktionären Kirchenpolitik gesehen werden; der kurze Frühling der Gläubigen mit ihrem Papst ist vorbei.
Bis hierhin hätte dies alles noch als innere Angelegenheit der katholischen Kirche durchgehen können, in die sich Staat und Gesellschaft nicht einzumischen hätten. Dies gilt indes nicht für die jüngste Entscheidung des Papstes, den britischen Holocaust-Leugner Williamson und seine drei Piusbrüder im Vatikan wieder hoffähig zu machen. Sie ist ein Politikum gerade weil der Papst selbst Deutscher ist, der Holocaust auf deutschem Boden stattgefunden hat und die Aufhebung der Exkommunikation der ausgestoßenen Bischöfe demokratiefeindlich, frauenfeindlich und judenfeindlich ist. Mit der Resozialisierung dieser radikalen Sekte hat der Vatikan nicht nur einen tiefen Graben zwischen den Katholiken geschaufelt. Schlimmer: Damit lebt das Jahrhunderte währende Feindbild der Juden als „Jesusmörder“ wieder auf, das erst das Zweite Vatikanische Konzil in den 1960er-Jahren für ungültig erklärt hatte.
Gerade deutsche Katholiken sind durch die Rehabilitierung der judenfeindlichen Organisation irritiert. Sie spaltet der Neo-Konservatismus des Vatikan geradezu. Welche Zukunft aber kann eine Kirche haben, die überdies Homosexualität und Empfängnisverhütung grundsätzlich ablehnt? Eine Erklärung könnte sein, dass der Vatikan glaubt, im weitgehend säkularen Europa nichts mehr gewinnen zu können. Die Potenziale der Kirche liegen in der Dritten Welt – dort, wo traditionelle Auffassungen noch weit verbreitet sind. Diese Strategie hat Benedikt gestärkt.