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01.10.2009

Künftige Energiepolitik

Kein Thema in Deutschland wird ideologisch so verbissen diskutiert wie die Nutzung der Kernenergie. Die neuen Mehrheitsverhältnisse nach der Bundestagswahl haben diesen Reflex – wenn wunderts? – wieder belebt; in den Koalitionsgesprächen werden Union und FDP schon deshalb über eine neue Rolle der Atomkraft in der künftigen Energiepolitik streiten. Seit rund zwei Jahren bereits werben die großen Energieversorger dafür, die Atomkraft in Deutschland wieder mehrheitsfähig zu machen. Es spricht vieles dafür, dass die schwarz-gelbe Bundesregierung den Ausstiegsbeschluss aus rot-grünen Regierungszeiten ohne nennenswerten Widerstand kippen wird.

Erst Anfang 2009 hatte Schweden die Kehrtwende in der Atompolitik vollzogen und den Weg für den Weiterbetrieb der bestehenden Reaktoren und den Bau neuer Meiler geebnet – ganz ohne Proteste seitens der Bevölkerung. Dabei hatten die Schweden 1980 per Volksentscheid den Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen. Doch der wurde nie vollzogen. Ganz im Gegenteil: Inzwischen produziert das Land gut die Hälfte seines Energiebedarfs mit der Atomkraft, den Rest mit Wasserkraft.
Während die SPD am Atomausstieg festhält, den sie gemeinsam mit dem damaligen grünen Koalitionspartner den Energiekonzernen abgerungen hatte, scheint der Widerstand gegen die Kernenergie bei den Bürgern sogar noch stärker zu werden: Nur noch rund ein Drittel der Bevölkerung würde es begrüßen, wenn angesichts steigender Energiepreise die hiesigen Atomreaktoren länger am Netz blieben.
Die Erinnerung an die gescheiterten, kerntechnischen Megaprojekte der Vergangenheit scheint zu verblassen. Drei herausragende Großprojekte gab es, die damals, in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, für die Überzeugung standen, dass die Atomkraft in Deutschland eine große Zukunft habe. Alle drei gibt es nicht mehr: Der Schnelle Brüter am Niederrhein in Kalkar, der Thorium-Versuchs-Reaktor in Hamm und die Wiederaufarbeitungsanlage im bayrischen Wackersdorf: Die sehr umstrittene Anlage war das erste Megaprojekt der deutschen Kernenergie, das beerdigt wurde.
Seitdem befürworten immer mehr Fachleute einen nachhaltigen Energiemix in Deutschland: Wind, Wasser und Sonne, Biomasse und Geothermie sowie für eine längere Übergangszeit Erdgas, für eine kürzere Kohle. Damit einher ginge die Entwicklung moderner Technologien, die dem Standort Deutschland überdies guttäten. Die Atomenergie – auch von der Union nur als „Brückentechnologie“ angesehen – hätte in diesem Mix nichts zu suchen. Das ideologische, geradezu religiöse Festhalten an der Atomkraft hingegen behindert den Innovationsdruck für die Gestaltung einer klimafreundlichen und zukunftsfähigen Energieversorgung.