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06.06.2008

Label-Leben

Ein große Party in der Karlsruher Postgalerie. Ein paar Tausend Leute. Die meisten tragen Weiß mit gelben Flecken um die Achseln. Fast alle sind verschwitzt, weil sie tanzen und es schwül ist. Ich trage Schal in dieser Nacht.

Ein Mädchen mit US-Großstadt-Akzent – mein Tipp: New York – spricht mich (darauf) an, als ich an der Bar stehe:

Fremde (forsch): „Hi!’“
Ich (schüchtern): „Hallo!“
Fremde: „Einfach toll, dass jemand in einem Nest wie Karlsruhe sowas trägt!“
Ich: „Was trägt? Schal?“
Fremdes Mädchen: „Nicht irgendeinen Schal. Sondern einen von diesem Label: Mc Queen.
I love Alexander Mc Queen.“

Dann grinst sie und zeigt beide Zahnreihen: rechter oberer Schneidezahn kariös. Ich drehe mich weg ohne Zahnzeigen.
Mein Schal ist nicht von Alexander Mc Queen. Dafür ist diese Anekdote ein Beleg dafür, dass im Nachtleben oftmals dieselbe Wahrheit gilt wie in einer Folge der TV-Serie „Sex and the City“: Die Suche nach Liebe hängt zusammen mit der Suche nach Labels (also: Marken).

Nicht Kleider machen Leute, Labels machen Leute. Es ist ein Label-Leben, das wir leben. In dieser Konsum-Kälte ist es nicht verkehrt, auch mal in Sommernächten Schal anzuhaben. Nur sollte es der richtige sein.

Szeneapplaus. „Sex and the City“ läuft seit vergangener Woche auch im Kino und setzt auf der Leinwand fort, was in den TV-Staffeln dokumentiert wurde: Das Leben, Lieben und Shoppen der modebessesenen New Yorker Autorin Carrie und ihrer nicht weniger modisch geprägten Freundinnen Samantha, Miranda und Charlotte.

Der Kinofilm ist großartig, und dabei ist es unerheblich, dass der Handlungsstrang nur wenig überraschend vorwärts schlängelt. Der eigentliche rote Faden, der sich unterhaltend durch den Film zieht, ist gewebt aus modischen Inspirationen: Nichts ist packender als die Frage, was die Protagonistinnen in der nächsten Szene tragen werden. Hierbei ist Carries modische Kreativität und Courage größer denn je.
Carrie ist die wohl größte Mode-Ikone unserer Zeit.

Wer Inspiration sucht, dem sei die wöchentliche Carrie-Dosis empfohlen. Die alten TV-Folgen laufen wieder auf „Pro Sieben“. Mittwochs, 0:10 Uhr.

Szenewechsel. Eine lokale Musik-Ikone ist Michael Müller. Am Samstag lässt er sich mal wieder blicken im „plus+“. Und das ist gut so. Das Programm von Michael Müller klingt, als wäre es der Soundtrack zu Carries Mode: großstädtisch, weltbürgerlich – und vor allem: funky.