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02.01.2009

Leben im Zeichen der Krise

Schön, wenn das Jahr noch beinahe unberührt vor einem liegt. Die Gelegenheit zum Neuanfang, die sich damit verbindet, hat die Welt bitter nötig. Denn die vielzitierte Wirtschaftskrise ist nur eines der Probleme, denen wir uns 2009 und auch darüber hinaus stellen müssen. Das hat nichts mit Jammern zu tun, sondern mit Realitätssinn. Auch wenn mancher Wirtschaftsboss inzwischen gerne behauptet, wir würden die schlechten Zeiten vor allem herbeireden. Das ist Unsinn und der Sache wenig dienlich. Wer den Menschen das kritische Denken austreibt, verhindert Veränderung – und es muss sich vieles ändern.

Niemand sollte glauben, dass schon alles gut wird, wenn wir nur fleißig die Läden stürmen und alles weitere möglichst wenig hinterfragen. Denn daher rührt ein Großteil der Schwierigkeiten, mit denen wir uns jetzt und in Zukunft konfrontiert sehen: Zunehmend ungezügelter und dabei oft auch unbedachter Konsum mag das Wachstum kurzfristig befördern – ein Zukunftsmodell ist er bestimmt nicht. Wir leben über unsere Verhältnisse.
Das marode Wirtschafts- und Finanzsystem, die zur Neige gehenden fossilen Brennstoffe, die globale Klimaerwärmung: Das alles ist so groß, dass wir ganz klein anfangen müssen, um dagegen anzukommen. Denn mag es auch Ideen geben, diesen Herausforderungen zu begegnen – ein politischer Masterplan für den Umgang damit ist noch in weiter Ferne. Ein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken, darf das nicht sein – es sei denn, uns ist das Schicksal nachkommender Generationen egal. Klein anfangen heißt vor allem, bei uns selbst anzufangen. Und zwar mit dem gesunden Menschenverstand. Wer zum Beispiel sein Geld in ein sogenanntes Finanzprodukt steckt, das acht Prozent Zinsen ohne jedes Risiko verspricht, darf sich nicht wundern, wenn er plötzlich pleite ist. Der Kollaps des Finanzsystems hat nämlich mindestens so viel mit dem häufig beklagten Mangel an Moral wie mit ausgeschalteter Vernunft zu tun.
Dass unser Handeln im Kleinen wie im Großen stets Folgen hat, ist eine Binsenweisheit, die offenbar in Vergessenheit geraten ist. Wer möchte, dass zukunftsfähige Autos gebaut werden, die unsere Umwelt schonen, muss eben auch entsprechende Modelle kaufen wollen. Nach diesem Prinzip funktioniert nun mal die Wirtschaft – auch und gerade die globalisierte. Beeinflussen lässt sie sich indirekt übrigens auch an der Wahlurne – allen anderslautenden Behauptungen zum Trotz. Gelegenheiten dazu gibt es 2009 reichlich.
Wie wäre es also mit einem Jahr der Vernunft? So oft wie möglich den gesunden Menschenverstand einzuschalten schadet jedenfalls nicht. Wem das zu wenig prickelnd klingt, der darf auch gerne von sich selbst behaupten, ab sofort etwas bewusster zu leben. Es lohnt sich in guten wie in schlechten Zeiten.