nach oben
04.09.2009

Merkels Wahlkampf

Angela Merkel ist keine begnadete Selbstdarstellerin. Sie hat nicht die mitreißenden Qualitäten eines Volkstribuns, der die Massen beeindrucken kann wie einst Willy Brandt oder Franz-Josef Strauß. Sie ist ein politisches Phänomen: uneitel, nüchtern und klar in der Analyse. Sich zu schmücken mit geschliffener Rhetorik oder scharfer Polemik – das ist nicht ihr Ding. Sie sagt, was sie sagen will schnörkellos und glaubwürdig. Das macht sie stark und das macht ihre Wahlkampf-Auftritte wie zuletzt in Freiburg und Pforzheim so wertvoll für die CDU.

Phänomen

Die CDU-Chefin kann ihre Zuhörer unaufdringlich überzeugen. Ohne ständig auf den Tisch hauen zu müssen, hat sie die Christdemokraten fast vier Jahre erfolgreich durch die Untiefen einer großen Koalition manövriert. Während der Koalitionspartner massive Verluste hinnehmen musste, behauptet die Union drei Wochen vor der Bundestagswahl in den Umfragen den Spitzenplatz in der Wählergunst. Damit hat Helmut Kohls „Mädchen“ erreicht, was ihr kaum einer ihrer politischen Widersacher vor der Bundestagswahl im September 2005 zugetraut hätten. Im Gegenteil – eines hat sie ihrem großen Mentor sogar voraus: Sie würde sofort wieder Kanzlerin, wenn eine persönliche Direktwahl möglich wäre.

Beeindruckend an der geradezu leidenschaftlichen Sachlichkeit der Regierungschefin bleibt auch ihre Weigerung, den vermeintlichen Gesetzen politischer Selbstdarstellung Tribut zu zollen und sich auf ein Niveau zu begeben, das nicht ihres ist. Merkel wagt es, zu schweigen, wenn andere laut werden. Offensichtlich teilt sie auch nicht die weit verbreitete Furcht, als „führungschwach“ zu gelten, weil sie nicht ständig gackern will. Merkel achtet lieber darauf, stets im Hintergrund die Fäden zu ziehen, und sie hat offensichtlich nichts dagegen, zuweilen als betulich zu gelten, weil sie sich vom Gezänk ihrer prominenten Stellvertreter nicht aus der Ruhe bringen lässt. Die Kanzlerin hat etwas präsidiales entwickelt in den Jahren der großen Koalition.

Dabei ist um sie herum die Welt der Christdemokraten alles andere als in Ordnung. Spätestens seit den jüngsten Landtagswahlen müssten die Alarmglocken ähnlich laut schrillen wie bei den Sozialdemokraten. Fakt ist: Seit mehr als zehn Jahren muss die CDU in den Bundesländern Verluste hinnehmen – zuletzt sogar erheblich. Vielleicht ist das die Quittung dafür, dass die CDU unter Merkel angefangen hat, sozialdemokratische Themenfelder zu beackern. Ein Kurswechsel, den die Parteispitze Ihren Anhängern bisher nicht erklärt hat und der viele CDU-Mitglieder sprachlos macht. Das trifft vor allem die aktiven; die zunehmend Schwierigkeiten haben, im Straßen-Wahlkampf christdemokratische Ziele zu erläutern. Denn zum Phänomen Merkel gehört auch: Alles ist denkbar, vieles ist möglich – ganz pragmatisch, versteht sich.