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01.04.2008

Mut zu Wut

Ich wollte mir einen Fernseher kaufen. Weil ich keinen hatte, aber einen haben wollte. Weil alle einen haben. Weil das Nicht-Haben manchmal ausschließt. Sie sagt: „Hast du gestern diesen schönen Film gesehen?“ Ich: „Habe doch keinen Fernseher.“

Sie: „Schade eigentlich.“ Gezwungenes Lächeln. Hihi.
Wenn ein Fernseher im Leben fehlt, machen Gesprächspartner oftmals große Augen, wo sie eben noch schöne Augen machten. Wie heißt es in einem Song des French-House-Duos „Daft Punk“: „Television rules the nation!“
TV regiert die Nation.
Wie widersprüchlich: Das Missverständnis des englischen Satzes hielt mich vom TV-Kauf ab. Während der Autofahrt zum Elektro-Großmarkt verstand ich aus den Boxen immer nur: „Television, frozen nation.“ Fernseher, Nation gefroren. Ich kehrte um. Ich brauche keinen TV. TV gefriert die Nation, deren Kreativität. Zumindest zu viel TV. Dann lieber gar kein TV.

Szeneapplaus. Das gesparte Geld investierte ich in andere Güter: Röhren-Jeans, schwarze Schminke, ein T-Shirt, ein Filzstift, Chucks, Haar-Lack. Der Besitz solch modischer Utensilien ist dieser Tage von Vorteil. Am Freitag nämlich ist es schicker denn je, sich zu kleiden wie ein Punk. Das Schweizer Verwandlungs-Festival „Private Fiction“ ist zum zweiten Mal zu Gast in Pforzheim und wird Hundertschaften junger Menschen von nah und fern in der Discothek „Flash“ versammeln. Bei ohrenbetäubendem Lärm namens Techno und Electro.
Das Motto der Nacht heißt: „Punk’s not dead!“ Punk ist nicht tot? Das gilt es zu beweisen. Mit Kostümen. Mit Kreativität. Mit gekritzelten Botschaften auf T-Shirts: „Free Tibet“ oder so. Oder auch: „Hey-ho, let’s go!“
Die Frage aller Fragen aber lautet: Wer traut sich? Sich auch außerhalb der Fastnacht zu verwandeln? In einen Punk. Wer traut sich selbst den auflehnerisch-wütenden Mode-Mut eines Punks zu? Den Mut zur Wut? Mut zur Wut tut Not.

Szenewechsel. Um das Ohr auf das Erlebnis von „Private Fiction“ vorzubereiten, ist mehrmaliges Hören der elektronischen Werke „Dildoes“ von „Phat Pixel“ und „What the Fuck“ von „Funkagenda“ ratsam. Noch empfehlenswerter zur Einstimmung: das Video-Interview mit „Private-Fiction“-Begründer DJ Fiction. Zu finden ist es auf der Internetseite der PZ unter „Jugendstil“.