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26.11.2008

Nach dem Amoklauf mit dem Samuraischwert zu lebenslänglich verurteilt

PFORZHEIM/KARLSRUHE. Äußerlich unbewegt hatte der Amokläufer am 22. April 2004 das Urteil der Schwurgerichtskammer hingenommen: lebenslänglich wegen der Bluttaten mit dem Samuraischwert im Versandhaus Bader.

Die Adoptiveltern von Stefan A. sind nicht gekommen. „Er wollte ihnen das ersparen”, sagt Angela Maeß, die Strafverteidigerin des 24-jährigen Ellmendingers. Von fern angereist sind hingegen Vater und Bruder der litauischen Auszubildenden, die A. umgebracht hat. Sie tun sich die Schilderungen der Tat an, die Zeugenaussagen, die medizinischen Gutachten. Vier Verhandlungstage lang. „Es hat weh getan”„Es war sehr schwer”, sagt der Bruder, „es hat weh getan”. Und den Mörder der Schwester zu sehen, der der 27-Jährigen einen Tag nach ihrem Geburtstag im Büro den Schädel spaltete? "Das war noch schlimmer."

Zu allen meidet Stefan A. den Blickkontakt. Auch bei der Urteilsbegründung wagt er keinen Blick zur Richterbank. Eine Stunde lang verliest der Vorsitzende der Schwurgerichtskammer, Hans Fischer, die Begründung. Er rekapituliert das Vorleben des Mannes, den die Kammer des Mordes, versuchten Mordes in einem Fall, versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung für schuldig befindet. Sein Kehlkopf tanzt, er schluckt, als Fischer auf die besondere Schwere der Schuld erkennt. Stefan A. weiß, was der juristische Begriff bedeutet: Frühestens nach 18 oder 20 Jahren wird er die Freiheit wiedersehen.

„Die Überlebenden haben dagegen wirklich lebenslänglich”, sagen unabhängig voneinander der Vorsitzende Richter und Oberstaatsanwalt Hans-Werner Schwierk. Zwei der Opfer hätten ohne das beherzte Eingreifen der Polizeibeamten und ohne die Kunst der Ärzte in Pforzheim und Ludwigshafen nicht überlebt. Doch die Folgen werden für immer bleiben. Nicht nur körperlich. Ein Angestellter, der bis zuletzt bei der bewusstlosen Litauerin ausharrte, ist bis heute nicht über das entsetzliche Geschehen, das jede Vorstellungskraft sprengt, hinweggekommen. „Ich wollte sie beim Sterben begleiten”, sagt er im Zeugenstand. Dann versagte ihm die Stimme. „Wenn ich jemanden fürs Bundesverdienstkreuz vorschlagen dürfte, dann diesen Mann”, sagt Fischer.

Auch ihn, das gibt er zu, habe der Prozess mitgenommen. Der Vizepräsident des Landgerichts Karlsruhe spricht in deutlichen Bildern: Es fallen Worte wie „Totenstille” und „Zerschlagen der Hoffnung im hässlichsten Wortsinn”. Das Leben des Täters erinnere ihn an eine „schlechte Kurzfassung des Buches ,Die Gesellschaft und das Böse?”. Die Tat sei der „Rachefeldzug” eines Narziss ohne Fähigkeit zur Selbstkritik, eine „große, geplante finale Aktion” gewesen. Aber er sagt auch: „Wenn Sie sich gegenüber Ihrer Anwältin nicht geöffnet hätten, wären Sie für viele ein Monster geblieben – jetzt sind Sie ein Mensch.” Noch sei für den 24-Jährigen nicht alle Hoffnung verloren. Wenn er sich in der Strafhaft öffne und seine Abwehrhaltung aufgebe, biete sich ihm in zwei Jahrzehnten eine neue Chance. Angela Maeß – es war ihr erster Lebenslang-Fall – hofft: früher. Sie wird Revision einlegen.