

PFORZHEIM. Schon nach fünf Minuten ist klar: Langweilig wird das heute nicht. Aus dem kurzen Beschnuppern um 14 Uhr am Konferenztisch in der Redaktion der „Pforzheimer Zeitung“ hat sich gleich nach dem Händeschütteln zwischen PZ-Leserin Anette Herr-Riefle und der Linken-Politikerin Annette Groth ein intensives Gespräch über die vermeintlichen Gefahren des Mobilfunks entwickelt. Wobei es das Wort Gespräch nicht wirklich trifft: Groth referiert, Herr-Riefle hört zu.
Daran soll sich im Laufe des Nachmittags nicht mehr viel ändern. Um ein Bild aus dem Fußball zu bemühen: Meist ist Groth in Ballbesitz, nur selten gelingt es Herr-Riefle, ihr das Leder abzuluchsen. Aber die PZ-Leserin lässt nicht locker und geht auch mal etwas härter dazwischen. Fouls gibt es aber keine – dafür verstehen sich die beiden Frauen viel zu gut.
Sogar beim Backwerk sind sie sich einig. Drei Sorten stehen zur Auswahl im Café im Schuckmuseum in Pforzheim, wo sich das Duo nach einem lockeren Spaziergang durch die Innenstadt niederlässt. Beide entscheiden sich für Träubleskuchen und Cappuccino. Groth gelingt es, sehr viel zu reden und dabei trotzdem deutlich schneller zu essen als ihre Gesprächspartnerin.
Herr-Riefle hört aufmerksam zu, auch wenn es nicht immer einfach ist, der Linken in ihre politische Welt zu folgen. Umweltschutz, Wirtschaftskrise, das Sozialsystem: Groth spannt den Bogen blitzschnell von einem Thema zum anderen, alles hat stets mit allem zu tun. Aber die PZ-Leserin passt genau auf: Als die Politikerin mit deutlichen Worten die Hartz-Gesetze kritisiert („das Erpressungsinstrument schlechthin“), hakt die Mutter dreier Kinder entschieden aber freundlich nach. „Warum sehen sie das so negativ?“, fragt sie.
Groth antwortet so, dass Herr-Riefle immerhin ein, zwei Mal vorsichtig nickt. Unterschiedlicher Auffassung ist man, als es um die Krise der Automobilindustrie geht. Groths Haltung: Die Autobauer sind selbst schuld. Herr-Riefle sieht es anders: „Der Markt ist einfach nicht da, das große Interesse beim Kunden an umweltschonenden Autos fehlt noch.“ Wobei dafür beide irgendwie auch Verständnis haben. „Ich mag ja schöne Autos“, sagt Herr-Riefle, und Groth gesteht: „Ich war mal Schnellfahrerin und mit einem Autohändler befreundet.“
Einiger werden sie sich nicht mehr, vor allem weil es an diesem schönen Sommernachmittag auch um Steuern geht. Die Linke Groth sieht naturgemäß Bedarf für eine stärkere Belastung höherer Einkommen. Die studierte Lehrerin Herr-Riefle, die bei einem mittelständischen Unternehmen in der Buchhaltung arbeitet, hält das für keine gute Idee. Sie wird energisch: „Wer ordentlich verdient, zahlt heutzutage fast 50 Prozent Steuern“, hält die 47-Jährige dagegen, „irgendwann ist es auch mal gut.“
Der guten Stimmung tun die Kontroversen keinen Abbruch. Die beiden verstehen sich prächtig und zwar drei volle Stunden lang. Als sie zwischendrin für PZ-news, den Internet-Auftritt der „Pforzheimer Zeitung“ getrennt voneinander befragt werden, ist sich Groth entsprechend sicher, dass sie einen guten Eindruck hinterlässt. Auf die Frage nach ihrer größten Stärke antwortet die Soziologin vor der Kamera, dass sie komplizierte Zusammenhänge sehr anschaulich erklären könne. Diesen Eindruck musste man an diesem Nachmittag nicht zwingend haben – zu schnell wechselte sie die Themen, etwas verschachtelt waren ihre Ausführungen immer wieder.
Ganz anders die PZ-Leserin. Im Stile einer Moderatorin hielt sie mit Zwischenfragen, bestärkendem Nicken und großer Freundlichkeit das Gespräch in Gang. So erfuhr die Wählerin viel von der Politikerin – die wiederum weiß deutlich weniger von der Frau, deren Interessen sie demnächst im Bundestag vertreten könnte. Das Gute daran: Groth scheint sich nicht zu verbiegen, um mitmischen zu können im großen politischen Geschäft. Und genau das hat ihrer Begleitung besonders gut gefallen.
Autor: Sascha Aurich





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