




TIEFENBRONN-MÜHLHAUSEN. Wilhelm Rieber macht in Mühlhausen nicht irgendwelche Uhren. PZ-Leser staunen bei der Sommeraktion über ausgeklügelte Schmuckstücke – und sie erleben, wie viel Herzblut darin steckt.
In Wilhelm Riebers Welt kommt Zeit auf die Waage. Um seine Uhren ganz präzise zu machen. Zeitwaage heißt das Gerät, das den Takt vorgibt. „Braucht so etwas eine direkte Verbindung zu einer Zentraluhr?“, will ein Besucher wissen. „Nein, es geht nur um die Schlagzahl“, sagt Rieber. 300 Schläge pro Minute, das ist normalerweise der Takt der Uhr. Das kunstvolle Messen der Zeit – für Wilhelm Rieber ist das Mechanik und Mathematik. In Vollendung.
Die PZ-Leser nimmt er an diesem Nachmittag mit in seine Welt. Eine, in der der Schwabe ein halbes Jahr lang an einer einzigen Uhr schafft, die als Hommage an die Goldstadt Pforzheim gedacht ist: Rund 1000 Arbeitsstunden stecken in einem Goldstadt-Tourbillon, einem kleinen mechanischen Wunderwerk, das 160 000 Euro kostet. 1000 Stunden und enorme Energie. „Meine Energie steckt in jeder meiner Uhren“, sagt Wilhelm Rieber und ist überzeugt, dass der Träger das spüren kann.
Seine Energie hat die Besucher längst angesteckt. Zumal sie auch seine Frau Marlene als Gastgeberin vorlebt. In dieser Uhrmacherwelt in Mühlhausen im Würmtal fühlt man sich schnell heimisch. Bei vielen Gästen ist das von der ersten Minute an so. Einige wie Werner Engel oder Peter Jung sind selbst gelernte Uhrmacher, andere haben in anderer Weise beruflich mit Schmuck und Uhren zu tun oder zu tun gehabt. Mit ihnen kann Rieber bis ins Detail über Zeitwaagen und andere Geräte reden. „Sie kennen sich aus“, sagt er den Gästen. Und als er die filigranen Bauteile eines Tourbillons in kleinen Plastikkästchen mit Lupe und Pinzette nach einem winzigen Sekundenzeiger durchsucht, lacht eine Frau: „Die Schächtele kennen wir alle, die haben wir früher auch gehabt.“
„Träume von Uhren“, staunt ein Pforzheimer nach einiger Zeit. Und nach Erklärungen der filigranen Tourbillons, die ihren Namen nicht von ungefähr vom französischen Wort für einen Wirbelwind haben. Das Herzstück des Uhrwerks, die Unruh, dreht sich in einem Gestell um das fixierte Sekundenrad. Einst erfunden, um zu verhindern, dass Taschenuhren durch ihren Schwerpunkt vor- oder nachzugehen beginnen, sind die komplizierten Tourbillons in Armbanduhren eher eine Frage mechanischer Faszination. Vor allem fliegende Tourbillons wie die Wilhelm Riebers sehen tatsächlich aus wie ein kleines schlagendes Herz in den Zeitmessern. Und Rieber achtet darauf, dass man das bei seinen Uhren genau sehen kann.
Uhrmacher-Tradition prägt das kleine Atelier. Vorbilder sind an der Wand verewigt: Abraham Louis Breguet, der 1795 das Tourbillon erfand, Alfred Helwig, der sie um 1920 perfektionierte. Für einen weiteren verehrten Mann steht eine große Standuhr, die Rieber restauriert hat: Der Mathematiker und Pfarrer Philipp Matthäus Hahn hat sie 1780 entworfen. Einmal aufgezogen, läuft sie mit ihrem Pendel 400 Tage und verfügt über einen Kalender, der sich selbst durch Schaltjahre nicht durcheinanderbringen lässt – „angetrieben vom Schlagwerk“, sagt Rieber und ruft: „Das ist der Hammer.“ So klingt seine Leidenschaft. Und die reißt nicht nur an diesem Tag alle mit.
Autor: alexander heilemann





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