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28.09.2009

Pforzheim als Zentrum des Enz-Nagoldgebietes

Die neuerdings verstärkt feststellbaren Bemühungen eines bestimmten Interessentenkreises, den Zusammenschluß der süddeutschen Länder doch noch in letzter Stunde zu verhindern, werden von der Bevölkerung größtenteils, ganz eindeutig aber in den wichtigen Industriestädten Mannheim und Pforzheim abgelehnt.

Als Pforzheim um 1220 durch Heirat in Besitz des badischen Markgrafen Hermann V. kam, sah das Fürstenhaus in der Stadt das notwendige und wichtige Bindeglied zwischen dem badischen Stammland und den markgräflichen Besitztümern an der unteren Enz. Über zwei Jahrhunderte galt nun Pforzheim als stärkster Stützpunkt der badischen Markgrafen, und die Schloßkirche, das Wahrzeichen der Stadt, ist bis heute das steinerne Zeugnis für jene Pforzheimer Glanzzeit geblieben. Doch schon unter Karl I. begann in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts mit dem Ausbau des neuen Schlosses zu Baden-Baden die Verlagerung der fürstlichen Interessen ins Rheintal. Die Tendenz der Markgrafen zur Rheinebene verstärkte sich von da an mehr und mehr. Nur scheinbar wurde diese Entwicklung nach der 1535 erfolgten Erbteilung des Landes aufgehalten, als Pforzheim vorübergehend Residenz der „Pforzheim-Durlacher“-Linie wurde. Die Verlegung des Fürstensitzes nach Durlach im Jahre 1565, wie vor allem die bald darauf (1595 -1603) erfolgte Abgabe der Ämter Besigheim, Mundelsheim, Altensteig und Liebenzeil an Württemberg waren schließlich die äußerliche Bestätigung der nach Westen gerichteten Interessen des badischen Fürstenhauses. Im Jahre 1715 gründete schließlich Markgraf Karl die Stadt Karlsruhe, womit er nicht nur den Schlußstrich unter die Rückzugsbewegung der bad. Markgrafen in das Rheintal setzte, sondern den Grundstein legte für die in der Folgezeit bis auf den heutigen Tag betriebene Rheintal-Politik Karlsruhes. Im Gegensatz hierzu gedenkt Pforzheim dankbar des Markgrafen Karl- Friedrich, der 1767 in Pforzheim einem Schweizer Unternehmer eine Uhrenfabrik eingerichtet hat und dadurch als eigentlicher Begründer des Pforzheimer industriellen Weltruhms angesprochen werden muß.

Betrachtet man den Raum um Pforzheim verkehrs- und wirtschaftsgeographisch, so zeigt sich Pforzheim als klarer zentraler Ort. Es liegt am Nordrand des Schwarzwaldes,wo sich dessen Täler vereinigen und zugleich am Kraichgau mit seinen wichtigen Verkehrsstraßen. Die Schmuck- und Uhrenindustrie ließ Pforzheim wirtschaftlichen Mittelpunkt werden, der früher täglich rund 20 000 Arbeitskräfte aus bis zu 30 km Umkreis an sich zog. Doch nicht nur an dieser täglichen Pendelbewegung war der württembergische Anteil erheblich. Wenn Pforzheim vor dem ersten Weltkrieg eine Bevölkerungszunahme von 33 000 im Jahre 1895 auf nahezu 80 000 im Jahre 1914 verzeichnen konnte, trugen zu dieser Entwicklung nicht zuletzt tausende Württemberger bei, die auch nach Pforzheim zuwanderten und zum Teil als Industrielle und Kaufleute mithalfen, die Weltbedeutung der Goldstadt zu schaffen. So ist es also kein Zufall, daß wohl die westliche Pforzheimer Landkreisgrenze mit der Interessengrenze zwischen Pforzheim und Karlsruhe übereinstimmt, aber die wirtschaftlichen Beziehungen Pforzheims über die den Stadt- und Landkreis Pforzheim zu drei Vierteln einschließenden Baden-Würtenberg Grenzen weit hinausreichen.

Je mehr Pforzheim durch seine Industrie und auch durch den über Pforzheim in den Nordostschwarzwald fließenden Fremdenverkehr mit seiner württembergischen Umgebung verwuchs, desto störender mußte man in Pforzheim selbst, wie auch im württembergischen Hinterland, die verwaltungsmäßige Zugehörigkeit Pforzheims zum Karlsruher Verwaltungsbezirk empfinden. Im Verkehrswesen durchschneiden die Grenzen der Post- und Eisenbahn-Direktionen Karlsruhe und Stuttgart das Pforzheimer Wirtschaftsgebiet. Karlsruhe, treu seiner Rheintalpolitik, vernachlässigte sein östliches Randgebiet, während für Stuttgart, wie kürzlich ein maßgebender hoher Reichsbahnbeamter in Pforzheim öffentl. bekannte, Pforzheim „Ausland“ war und deshalb nicht Sitz eines Betriebsamtes der Stuttgarter Direktion werden konnte!

Pforzheim hat man bis heute wichtige staatliche Einrichtungen, so u.a. ein Landgericht, vorenthalten, weil das natürliche Hinterland nicht auch staatsrechtlich ein solches ist. Statt dessen muß die Pforzheimer Umgebung zu ihren Gerichten nach Tübingen und Heilbronn reisen. Die bisherige Unantastbarkeit der Landesgrenzen gebietet beispielsweise dem Wildbader Handwerker eine Bahnreise von 270 km (hin und zurück) über Pforzheim zu seiner Handwerkskammer nach Reutlingen, obwohl eine solche Kammer in Pforzheim bei nur 46 km Bahnfahrt ihm dieselben Dienste leisten könnte. Dem Kaufmann von Mühlacker werden 95 km Bahnreise nach Stuttgart und zurück zugemutet, weil die badische Industrie- und Handelskammer im nur 13 km entfernten Pforzheim für ihn nicht zuständig sein darf.

Es wirkt erstaunlich und volksfremd zugleich, wenn trotz solcher und ähnlicher Verwaltungskuriositäten, die sich nicht nurim Pforzheimer Raum, sondern überall entlang der 581 km langen badisch-württembergischen Grenze zeigen, sich noch manche unserer Staatsmänner und Ministerien im stillen ausrechnen, mit welchen Volksabstimmungsmethoden der vom Volke gewünschte Südweststaat am besten verhindert werden kann. Stuttgart, Freiburg und Tübingen konnten bis heute den Länderzusammenschluß nicht vollbringen; jetzt hofft das Volk auf die erlösende Tat des Bundestages und wir in Pforzheim zumindest wünschen, daß wir nicht vergeblich hoffen. Die verantwortlichen Männer mögen sich aber klar darüber werden, daß man in Pforzheim der bisherigen Verzögerungspolitik nicht mehr lange tatenlos zuzusehen gewillt ist. Dies ließ Oberbürgermeister Dr. Brandenburg am Schlusse seiner programmatischen Rede am 27. 9. 1949 vor dem Pforzheimer Stadtrat ebenso eindeutig erkennen, wie er forderte, daß sich die inneren Verwaltungsgrenzen des Südweststaates nach den wirtschaftlichen Erfordernissen, nicht nach den überkommenen Abgrenzungen zu richten haben.

Wenn heute zum ersten Male nach der Zerstörung der Stadt wieder eine in Pforzheim gedruckte Tageszeitung, die „Pforzheimer Zeitung“, ihren Weg in die württ. Umgebung der Goldstadt nimmt, so möge sie als Vorbote wieder engster wirtschaftlicher und kultureller Beziehungen zwischen Pforzheimund seinem natürlichen Hinterland erscheinen und ihm vorläufig als verbindende Brücke zwischen den jetzt noch bestehenden Gebilden dienen. Hermann Weidenbäch