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28.09.2009

Pforzheim bald wieder voll exportfähig

Dipl.-Ing. Julius Moser, Präsident der Industrie- und Handeiskammer Pforzheim, gibt in einem soeben erschienenen Aufsatz über „Pforzheim als Industrie-, Handels und Exportstadt“ einen interessanten Überblick über die geschichtliche und wirtschaftliche Entwicklung der „Goldstadt“. Wir entnehmen der Abhandlung folgende Auszüge:

Im Jahre 1767 siedelte der kommerziell eingestellte Landesfürst Markgraf Karl Friedrich von Baden mit wirtschaftlichem Weitblick in Pforzheim tüchtige Goldschmiede und Uhrmacher an. Damit legte er den Grundstein für eine einzigartige Neuentwicklung der Stadt, die nunmehr von Jahrzehnt zu Jahrzehnt einen erfolgreichen Aufschwung nahm und in Deutschland zur Metropole für die Edelmetall-, Schmuck- und Uhrenindustrie wurde.

Mit diesen Gewerbezweigen, die dem Stadtbild ein besonderes Gepräge gaben, beherbergte Pforzheim seitdem eine von den vielen deutschen Industrien, die durch ihre Qualitätserzeugnisse und ihren Hochstand in künstlerischer und technischer Hinsicht sich in der ganzen Welt eine führende Stellung verschafft haben. Seit über 100 Jahren unterhält die gewerbefleißige „Goldstadt“ lebhafte Geschäftsbeziehungen zu allen Ländern Europas, und um die Mitte des Jahrhunderts öffneten ihr auch die überseeischen Länder ihre Absatzmärkte. Pforzheimer Erzeugnisse, die in rund 800 Edel Metall- und Schmuckwarenfabriken hergestellt wurden, und an deren Fertigung etwa 25 000 Arbeitskräfte beteiligt waren, sind in aller Welt bekannt und wegen ihrer Qualität begehrt. An vielen internationalen Ausstellungen, zuletzt auf der großen Pariser Weltausstellung im Jahre 1937, war das Pforzheimer Schmuckgewerbe beteiligt. Es erzielte überall außerordentliche Erfolge, die seinen Ruf als Weltplatz für Schmuck fest begründeten.

Auch die Taschen- und Armbanduhrenindustrie, die in Pforzheim heimisch ist, nahm in den letzten Jahrzehnten wieder einen glänzenden Aufstieg. Fast alle Teile der Uhr wurden in den rund 200 Betrieben dieses Gewerbezweiges hergestellt. Rund 7000 bis 8000 sorgfältig ausgebildete Fachkräfte wurden in dieser Industrie beschäftigt, deren Erzeugnisse mit denen der Schweizer Uhren Industrie an Präzision und Ausstattung wetteiferten und die Zeitmesser in jeder gewünschten Qualität, sowohl die billige solide Gebrauchsuhr, wie die aparte Juwelen-Uhr, anbot.

Präsident Moser gibt sodann ein eingehendes Bild über die Katastrophe vom 23. Februar 1945, um daran anknüpfend dem neuen Lebenswillen der Stadt Ausdruck zu geben. Auch der Groß- und Einzelhandel, der nach der Katastrophe nahezu ausgelöscht war, ist wieder erstanden.

Pforzheim war in früheren Zeiten, fährt er fort, eine Exportstadt „par exellence". Die bekannten Schwierigkeiten allgemeiner Art, die uns hier in Pforzheim ja nicht allein betreffen, haben das Ausmaß unseres Exportes noch nicht in der Weise zur Geltung kommen lassen, wie wir es gewünscht hätten. Wohl sind in unzähligen Verhandlungen schwierigster Art mit Besatzungsbehörde und auch mit deutschen Amtsstellen gewisse Erleichterungen einer Überbürokratisierung, die sich breit gemacht hatte, erreicht worden. Aber die allgemeine Weltlage hat uns Einhalt geboten, wo wir dank unserer wieder fast vollkommenen Produktion eine Exportleistung bieten könnten, die gar nicht weit von derjenigen der Vorkriegszeit entfernt ist. Wenn man bedenkt, daß in ganz guten Zeiten früherer Jahrzehnte der Wertversand aus Pforzheim in seiner Höhe hinter demjenigen unserer früheren Reichshauptstadt rangierte, so kann man daran ermessen, welchen Faktor die „Goldstadt“ dereinst im Getriebe der deutschen Wirtschaft darstellte. Wir haben das ernste Streben, gerade im Export, der so land- und volksverbindend ist, wieder eine unserer früheren Bedeutung gemäße, entsprechende Rolle zu spielen.

Über den Umstand, daß die Importe gerade in den letzten Monaten sich im Zuge des Marschallplanes und auch sonst relativ günstig entwickelt haben, dürfen wir hier recht erfreut sein. Wir haben die Gelegenheit, das, was uns zur Herstellung von Uhren fehlt, aus der Schweiz kommend, bei uns zu importieren, womit ein lang durchgeführtes Streben, die Uhrenindustrie wieder in Gang zu bringen, seine vorläufige Erfüllung gefunden hat.

Nicht nur die beiden Hauptindustrien, sondern auch deren Zubringer größeren und kleineren Maßstabes, wie Scheideanstalten, Halbzeugwerke, Graveur- und Guillocheur- Anstalten u.a. haben ihre Tätigkeit wieder aufgenommen. Sie sind z.T. schon wieder in recht ansehnlicher Kapazität erstanden und unterstützen unsere Industrien mit ihren Erzeugnissen und ihrer Arbeit. Darüber hinaus sind sie auch Lieferanten innerhalb unseres westdeutschen Gebietes und im Ausland.

Nicht unerwähnt bleibe, daß neben dem eigentlichen Schmuck und den Uhren, Groß- und Kleinsilberwaren sowie Alpaccawaren verschiedenster Art wieder den Weg zur Kundschaft gefunden haben: Füllbleistifte, Kugelschreiber oder Bestecke u. Tafelsilber. Sie alle zeugen wieder von der Vielseitigkeit unserer Pforzheimer Industrie.