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28.09.2009

Pforzheim im Wiederaufbau

Wir wollen nichts wiederholen. Über den Wiederaufbau der Stadt, ihre Bauprobleme und Bauprojekte, ist schon viel geschrieben worden. Unsere Leser wissen es. Dabei hat das Bild im großen und ganzen auch heute noch chaotischen Charakter. Was am 23. 2. 1945 in 20 Minuten vernichtet wurde, braucht Jahrzehnte, um wiederzuerstehen. Und dennoch: Heute regt sich allenthalben wieder ein so starker Lebensgeist, daß wir sagen dürfen, auch dieses Unglück wird überwunden. Die Dreitälerstadt wird neu aus ihm geboren. Ein Phönix neuen Lebenswillens.

Die ersten Ansätze, nach der anfänglichen Verzweiflung, sind gemacht. Trümmer und Schutt weichen dem geordneten Lebensbedürfnis unserer Bevölkerung. Fast alle, die ihrer Stadt wieder ein anderes Gesicht geben möchten, stehen aktiv in diesem Prozeß. Selbst in ablehnenden Stimmen zu vorgelegten Plänen wird das Interesse nicht verwischt, das man für den Wiederaufbau der schwer geschlagenen Stadt bekundet. Und darauf kommt es an.

Bürgermeister Dr. König, der Baupolitiker Pforzheims, hat uns in diesem Zusammenhang einmal mit den umfassenden Gebieten seines Aufgabenbereiches vertraut gemacht. Von der sachlichen Überlegung bis zu hochgefaßten Plänen, die das Bild städtebaulich vollenden sollen, war wesentlich, daß die finanzielle Seite bei allem den Ausschlag gibt und Pforzheim in seiner Baupolitik den Boden finanzieller Möglichkeiten nicht verläßt. Der Wohnungslose schreit trotzdem nach seiner Wohnung. Der Geschäftsmann und Einzelhändler verlangt wieder seinen Laden. Der Industrielle erstrebt seinen intakten Betrieb. Alles Dinge, die parallel zueinander verlaufen und in der Baupolitik der Stadt, als letzter Instanz, gebunden sind.

In diesem Zusammenhang ist ein historischer Rückblick über Pforzheim, aus dem sich die Kapazität des Planens und Bauenser gibt, nicht uninteressant. Nach gewissenhaften Ermittlungen des Soziographischen Instituts Frankfurt am Main wuchs die Einwohnerzahl Pforzheims von den Jahren 1812 bis 1914 um das Vierzehnfache, während die Bevölkerung des Landkreises in der gleichen Zeit sich nicht einmal verdoppelte. 1812 waren es rund 5000 Menschen, die die Dreitälerstadt bevölkerten. Wundervoll idyllisch muß die Goldstadt damals, umsäumt von den heranstrebenden Hängen des Schwarzwaldes, gewesen sein. In den 70er Jahren waren es bereits 22000 Menschen. Von da ab zeigt die Bevölkerungskurve einen steilen Anstieg auf 74000 Einwohner. 1939 war er mit 80000 Menschen abgeschlossen. Die Zunahme mvon 1910 bis 1925 rührt zu fast drei Vierteln aus den Eingemeindungen der Ortsteile Brötzingen und Dillweißenstein. Nach der Zerstörung im Februar 1945 fiel die Bevölkerungsziffer auf 42226 Personen am 31. Dezember des gleichen Jahres. Der Angriff allein forderte, nach bisher bekannten Schätzungen, 17600 Opfer. In memoriam!

Nach dieser Rechnung verbleiben 19400 Personen der Vorkriegsbevölkerung Pforzheims, von denen immer noch rund 9000 als mögliche Rückwanderer in Frage kommen. Rechnet man ein theoretisches Plus von 17000 Neubürgern im Laufe der Jahre hinzu, dann ergeben sich 70 - 75000 Menschen, für die Pforzheim Wohnungen schaffen muß. Die Zahl der Wohnungen betrug 1938 - 23682. Nach dem Stand vom Oktober 1946 waren es nur noch 10155. Bei Zugrundelegung vorstehender Zahlen und dem Verlust von 13527 Wohnungen durch den Angriff, sind demnach noch rund 12 - 14000 Wohnungen erforderlich.

Von dieser erschütternden Zahlensinfonie gehen wir aus, wenn wir ein Bild von den Aufgaben der Stadt und ihrer privaten und genossenschaftlichen Bautätigkeit haben wollen. Es dreht sich heute vor allem darum, daß mit der Neugliederung der Innenstadt eine teilweise Auflockerung durch Ansiedlung Wohnungssuchender in den Randgebieten betrieben wird. Von diesen Gesichtspunkten ist die Baupolitik der Stadt, auch im Zusammenhang mit den aufgeworfenen Problemen Reichsbahn und Bahnhofsverlegung, wie dem Neuaufbau der Post, der in Angriff genommen ist, geleitet.

Wir unterhielten uns in diesen Tagen mit Bürgermeister Dr. König über diese Fragen. Die Antworten, die wir erhielten, waren aufgeschlossen und interessant. Dabei wurde nicht nur das Technische und Planerische der Stadtgestaltung berührt, sondern auch der Geist einer zweckbedingten Baugesinnung in den Vordergrund gerückt. Oft gingen epochale Gedankengänge einzelner Baukulturen durch diese Unterhaltung hindurch. Nicht im kunsthistorischen Sinne, sondern anregend und befruchtend. So der Rhythmus der Antike, den die Hellenen gestalteten. Sie verpflanzten ihn bis in die einfachsten Dinge ihres Lebens und wußten auf diese Weise ihrem Streben nach Schönheit und Klarheit Ausdruck zu geben. Auch die westlichen Kulturepochen wurden angesprochen. Von der frühromanischen Krypta bis zum vollendeten, Filigran spätgotischen Bauens. Die Renaissance, und schließlich das aufkommende Barock, das aus dem gleichen Geist der damaligen Stilgesinnung Zeit und Menschen formte, spielte ebenso eine Rolle.

Nachdem die unkünstlerischen, geistlosen Fassaden der Gründerzeit durch Schicksal und Tragik gefallen sind, müssen wir aus den gleichen Quellen gewesener Stilepochenschöpfen, wenn wir das Neue vollenden wollen. Städte werden nicht aus technischen, sie werden aus geistigen Überlegungen. So auch Pforzheim. Dafür hat seine Industrie, trotz des Exportrückganges wie bei allen anderen Industrien, einen viel zu offenen, weltweiten und künstlerischen Charakter, als daß es im Bauen spießbürgerlich verflachen dürfte. Das muß man bedenken, wenn im Laufe der Jahre ein Städtebild erstehen soll, das dem Charakter seiner Wirtschaft und den sozialen Notwendigkeiten des Lebensrechtes seiner Menschen Rechnung trägt.

Bürgermeister Dr. König demonstrierte an Hand einiger Bauvorhaben, in welchem Sinne die neue Baugesinnung Pforzheims künftig dominieren soll. Es sind keine Riesenprojekte, die wir sehen. Aber sie zeigen in Anlage und Form, worauf es ankommt.

Wir fahren die Ispringer Straße hinauf. Unter uns steht die Stadt mit ihren Wunden. Leichter Nebel über dem Tal. Über uns blauer Himmel. Auf den Höhen ist es klar und hell. Herrlich der Blick zum Schwarzwald, in seine nebelverhangenen Täler. An der Kindertagesstätte halten wir. Eine sozial-ethische Angelegenheit. Hier haben die Kinder Sonne, Raum und Luft. Hier wissen die arbeitenden Mütter ihre Kinder geborgen und betreut. Weite Räume mit wandhohen Fenstern gewähren der Natur ins Haus, und dem Haus in die Natur zu kommen. Herrliche Terrassen. Gärtnerische Anlagen. Alles noch im Entstehen Aber doch schon sichtbar. Man spürt, wie es wird und sieht in dem künstlerisch gestalteten Zweckplan von Stadtbaudirektor Müller die neue Form, die in der Goldstadt zum Tragen kommt.

Eine Stimme (über den Gartenzaun): „Saget'se, Herr Birgermeischter, kenne mer unser Gärtle jetzt behalte, oder was? . . .“ Dr. König: „Was ist wichtiger, die Züchtung von Brombeer- und Himbeersträucher, oder die Entwicklung unserer Kinder? Die Sache wird gelöst, und beiden Partnern Rechnung getragen . . .“

Der Frager (lacht): „Da habet'se recht, Herr Birgermeischter“.

Wir fahren zum Kaffee Hasenmeyer, wo die Kinder heute noch untergebracht sind. Ein Unterschied wie Tag und Nacht. Hier der Notbehelf. Dort die endgültige und gelungene Lösung eines Problems.

Weiter geht es zum Haus der Jugend . Die Sonne hat die Nebel aufgesogen. Heiß und brütend, fast unbarmherzig, liegt sie in der „Westlichen“. Hier die gleiche Baugesinnung. Große, hinausstrebende Fenster. Sie lassen die Natur in die Räume. Man atmet Gottverbundenheit und innere Freiheit. Ganze Wände aus Glas. Machtvoll geben sie dem Raum ihre Note. Im ersten Bauabschnitt sehen wir einen lichtdurchfluteten Saal. Er soll der Feiergestaltung der Jugend dienen und atmet schon jetzt diese Feierlichkeit. Selbst die Flüche der Maurer können diesen Eindruck nicht verwischen. Auch nicht das viele Material, das den Boden bedeckt. Die Feierlichkeit ist einfach da, hineingebaut in den Raum, der nur noch einen dekorativen Ausgleich verlangt.

Dr. König: „Hier wird immer eine Lieblingsidee von mir lebendig. Bis zum Mühlgraben ein Anbau mit einem weiten, fensterreichen Saal und raumhohen Glaswänden. Das wäre eine Unterkunft für unsere Stadtbibliothek und ein Lesesaal, wie man ihn selten hat.“

Wir sind davon überzeugt. Hier kann man im Geiste leben, sich sammeln, wenn man liest, oder in Ruhe und Schönheit ein Buch ausleihen, das man braucht.

Vor uns der weite Rasen. Vor Jahresfrist noch ein Trümmerfeld. Heute spricht er vom wiedererstehenden Leben. Er ist noch nicht gepflegt genug. Aber er deutet an, daß es hier einmal schön sein wird, wenn alles fertig ist.

Auf der weiteren Rundfahrt sehen wir noch manche Planung. Interessant, wie sie sieh in ihren Rahmen einfügt und an den einzelnen Stellen der Stadt die Einheitlichkeit des städt. Bauens, bis zu den Wohnzeilen in der Oranierstraße, erkennen läßt. Aus allem fühlt man die inneren Zusammenhänge, die schon den ersten Versuchen eine künstlerisch durchdachte städtebauliche Note geben.

Kreuz und quer durch Pforzheim treten die neuen Bilder zweckmäßigen Bauens in den Vordergrund. Hineingebettet in den Grüngürtel der Schwarzwaldtannen erschließen sie neue Perspektiven. Herrlich die Lage, erschütternd die Tragik dieser immer fleißigen Stadt. Heute dominieren noch die Trümmer. Aber die Art, wie man alles anpackt, zeigt, daß es vorwärts geht und daß in Jahren einmal an Stelle der Trümmer ein neues, städtebaulich klar gegliedertes Pforzheim stehen wird. P.R.