Sie galten als verwildert, aber harmlos - bis die Rockerbanden in den vergangenen zehn Jahren zu einer eigenen Macht in der organisierten Kriminalität wurden. Die Justiz wachte zu spät auf, wie es nun ein Sachbuch beschreibt.
Aggressiv und furchteinflößend kommen sie daher. Schwarze Kleidung, Lederweste mit Aufnähern und muskelbepackte Oberarme durch Bodybuilding oder Chemie kennzeichnen heutige Rocker. Menschen auf Bürgersteigen weichen automatisch aus, wenn ihnen eine Gruppe Hells Angels oder Bandidos entgegen kommt. Begegnungen zwischen den verfeindeten Banden enden schnell blutig. Gegner werden brutal zusammengeschlagen oder umgebracht.
Besonders in Berlin eskalierten die Machtkämpfe zwischen den Rockergangs in den vergangenen Jahren. Die Gründe für das Ausufern der Gewalt beschreibt nun ein Sachbuch der «Spiegel»-TV-Reporter Jörg Diehl, Thomas Heise und Claas Meyer-Heuer. «Rockerkrieg» beleuchtet auf 310 Seiten Entstehung und Aufstieg der früheren Motorradclubs, die Gefahren, die von ihnen ausgehen und den Kampf, den Justiz und Politik sehr spät aufgenommen haben.
Nach den USA ist Deutschland inzwischen der größte Rocker-Standort. 1999 habe es erst 50 Hells Angels gegeben, schreiben die Autoren. Im Jahr 2012 waren es laut Bundeskriminalamt mehr als 1200, dazu kamen rund 1000 Bandidos, wie sich die stärkste Konkurrenzorganisation nennt.
In 16 Kapiteln nehmen sich die Autoren die Rocker vor. Es geht um Geschäfte mit Drogen und Prostitution, Überläufer, Spitzel bei der Polizei und gescheiterte Friedensabkommen. Die internen Machtkämpfe zwischen älteren Motorradrockern und jungem Nachwuchs aus türkischen und arabischen Kreisen spielen eine Rolle.
In vielen Clubs mischen inzwischen «ehemalige Hooligans, Neonazis und Neuköllner Kleinkriminelle» mit. Nicht immer haben sie einen Motorradführerschein, verfügen aber über eine andere wichtige Eigenschaft: Brutalität. «Viele dieser jungen Männer, meist mit einem Faible für Kameradschaft, Kampf- und Kraftsport haben einen Migrationshintergrund und eine dicke Akte bei der Polizei.»
In ausgiebigen Schilderungen widmet sich «Rockerkrieg» bekannten oder berüchtigten Einzelbeispielen wie dem Hannoveraner Rockerchef Frank Hanebuth, der beste Beziehungen in Niedersachsen pflegte. Sein langjähriger Anwalt und Freund, Götz von Fromberg, fungierte bei Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) als Trauzeuge.
Detailreich, zum Teil auch im journalistischen Plauderton, schildern die Autoren Lebensläufe von Rockern, die als Täter oder Opfer die Justiz beschäftigten. Viele Informationen stammen aus Ermittlungsakten der Gerichte und der Polizei. Dabei entsteht das Bild einer «kriminellen Bande mit kleinbürgerlichen Zügen» in all ihrer Spießigkeit und kriminellen Vereinsmeierei, die das Gegenteil der viel gepriesenen Freiheit ist, wegen der sich die Rocker angeblich außerhalb der Gesellschaft befinden.
«Rockerkrieg» beschreibt aber auch, wie die deutsche Justiz zu spät erkannte, welche Gefahr von den Gangs ausging. Über Jahre kontrollierten Hells Angels den Drogenhandel und die Zwangsprostitution in ganzen Stadtvierteln. Auf Konkurrenten oder Abweichler prügelten sie mit Baseballschlägern ein, zertrümmerten ihnen die Knie oder stachen sie ab.
Bei der Aufklärung eines Mordes in Westfalen etwa vertat die Justiz 2007 die Chance auf ein Verbot. Staatsanwälte und Gerichte konzentrieren sich nur auf die einzelne Rachetat, anstatt Ermittlungen nach Paragraf 129 zu kriminellen Vereinigungen einzuleiten und die gesamte Bande zur Rechenschaft zu ziehen. Das strikte Schweigen aller Beteiligten - Täter, Opfer und Zeugen - stellte die Polizeifahnder vor kaum lösbare Probleme.
Oft blockiert sich die Polizei auch selber. «Ungebührliche Nähe zwischen Polizei und Rockern» sei leider nicht so selten, schreiben die Autoren. Immer wieder kämen über gemeinsame Hobbys oder Bestechungen Polizisten auch privat den Rockern näher und warnten vor Razzien.
2012 machten die Innenministerien vieler Bundesländer dann ernst. Einige Rockerclubs wurden verboten. In Pforzheim hatte man schon im Sommer 2011 vorgelegt. Nach diversen blutigen Auseinandersetzungen der Pforzheimer Hells Angels mit Mitgliedern der Türsteherclique United Tribuns und zwei Razzien gegen die Höllenengel wurde der Rockervereein verboten. In Berlin reagierte eine Handvoll Bandidos schneller. Sie lösten sich auf und liefen zu den bis dahin verfeindeten Hells Angels in Potsdam über. Das Problem der gewalttätigen Banden ist noch lange nicht gelöst.

