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Thilo Sarrazin stellt sein Buch "Deutschland schafft sich ab - Wie wir unser Land aufs Spiel setzen" vor.
Thilo Sarrazin stellt sein Buch "Deutschland schafft sich ab - Wie wir unser Land aufs Spiel setzen" vor.

Sarrazin genießt den Sturm - und bleibt hart

Berlin (dpa) - Womöglich redet er sich gerade um Kopf und Kragen, Thilo Sarrazin kratzt das wenig. 65 Jahre ist er alt, jahrzehntelang hat er anderen die Stichwörter geliefert, die Reden geschrieben.

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Nun ist er selbst an der Reihe und kostet den Moment aus: In der Bundespressekonferenz, Reichstag und Kanzleramt in Sichtweite, betritt der Bundesbank-Vorstand die große politische Bühne und stellt sein heftig umstrittenes Buch vor. Ob seine Karriere das überlebt, ist inzwischen fraglich.

Fast 30 Kamerateams sind zu Sarrazins Buchvorstellung gekommen, weit über hundert Journalisten - ein Andrang, wie es ihn bei kaum einer politischen Pressekonferenz gibt. Sarrazin steht im Zentrum eines Sturms. Er hat mit seinen Thesen zur Integration die Kanzlerin verärgert, seine Partei entrüstet und den Bundesbank-Chef alarmiert. Doch Sarrazin blickt zurück auf seine Laufbahn und sagt: «Illoyal war ich nie, aber unabhängig zu jeder Zeit.»

Wenig später trifft sich in Frankfurt/Main der Vorstand der Bundesbank, die bislang lediglich von einer Privatsache Sarrazins sprach, zu einer Krisensitzung. Die Führung wirft Sarrazin vor, mit seinen «Äußerungen fortlaufend und in zunehmend schwerwiegendem Maße» seine Verpflichtung zu missachten. Man wolle mit ihm reden und über weitere Schritte entscheiden. Die SPD bereitet seit Montag Sarrazins Rauswurf vor. Bis es soweit ist, können aber Wochen vergehen.

Sarrazin sagt, er habe es stets mit Gelassenheit ertragen, wenn seine Chefs ihn als schwierig empfunden hätten. So ist es auch jetzt: Weder der SPD noch der Bundesbank will er den Gefallen tun und hinschmeißen. Seine Analyse sei wasserdicht. In «Deutschland schafft sich ab» warnt der Volkswirt, wegen der niedrigen Geburtenrate könnten die Deutschen zu «Fremden im eigenen Land» werden. Auch dass Juden gemeinsame genetische Wurzeln haben, sagt er am Montag noch einmal. Er habe sich extra auf die Frage vorbereitet.

Der frühere Berliner Finanzsenator wirft Einwanderern aus muslimischen Ländern mangelnde Integration vor, klagt, der deutsche Sozialstaat ziehe die Falschen an, und fordert drastische Gegenmaßnahmen wie tägliche Meldepflichten für Langzeitarbeitslose, Kindergartenpflicht und die strikte Auswahl hochqualifizierter Zuwanderer. Vor allem die Analyse hebt er bei der Buchvorstellung hervor. Dass diese vor heruntergelassenen Jalousien stattfindet, dass vor der Tür Demonstranten pfeifen, dass sie Transparente wie «Rechtspopulismus stoppen» halten, dass dick-gepolsterte Polizisten bereit stehen - dazu sagt Sarrazin nichts.

Was treibt diesen Mann? Das Geld, das sein Buch einspielt, dürfte es nicht sein. Sarrazin war Staatssekretär, Manager bei der Bahn und Senator. Schon der Wechsel von dem Konzern in den Berliner Landesdienst habe ihn viel Geld gekostet, bekannte er in Berliner Zeiten gern. Er konnte es sich also leisten. Der gebürtige Thüringer ist 65, könnte daheim im vornehmen Berliner Westend seinen Ruhestand genießen. Sarrazin sagt: «Wenn man dem Staat so lange dient, bleibt es nicht aus, dass man ihn liebt und das Staatsvolk auch.»

Das ist zwar ziemlich dick aufgetragen, aber Sarrazin scheint auch überzeugt, dass er Deutschland wachrütteln müsse. «Alle politische Kleingeisterei besteht in dem Verschweigen und Bemänteln dessen, was ist», eröffnet er sein Buch mit Worten Ferdinand Lassalles, des großen Manns der Arbeiterbewegung, und fordert die Politik eindringlich zum Handeln auf. Tatsächlich gab es eine Reihe Kritiker, die in den vergangenen Tagen eingestanden, dass Sarrazin die richtigen Probleme benenne, sich dabei aber gewaltig im Ton vergreife, ganz zu schweigen von seinen radikalen Lösungsansätzen.

Aber natürlich gefällt er sich auch als Provokateur. Das Buch enthalte die eine oder andere Zuspitzung, gesteht Sarrazin mit einiger Untertreibung. Nur mit abstrakten Statistiken erreiche man Viele eben nicht. Seine Frau und das Lektorat hätten vieles schon abgeschwächt. «Es ist ausgewogener als meine Originalsprache», sagt er und macht eine Pause, um dem Publikum Zeit zum Schmunzeln zu lassen. «Ich bin ein Gestaltungsoptimist und glaube an den öffentlichen Diskurs», schließt er seinen Vortrag. Und erntet - auch dies unüblich für politische Pressekonferenzen - tatsächlich etwas Applaus.

30.08.2010
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