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25.07.2008

Schüler wissen wenig über die einstige DDR

Datschen-Idyll, FKK-Camping, Skatabend und Familienfest – das Alltagsleben in der DDR bot nach außen scheinbar lustige Spielräume. Aber solche Nischen waren der einzige Rückzugsort gegen die totale Kontrolle durch die Stasi. Doch das gerät offensichtlich in Vergessenheit. Seit 1989 ist viel passiert in der damaligen DDR, und auch sehr schnell. Innerhalb von zehn Wochen nach dem Mauerfall haben die Ostdeutschen das Über-Ich der Parteidiktatur abgeschüttelt und sich die Freiheit erkämpft. Aber wie haben sie gelebt in den langen vierzig Jahren zuvor?

Die meisten deutschen Schüler erfahren es offenbar nicht. Sie haben nicht gelernt, dass die DDR eine eisenharte Diktatur war, wer 1961 die Mauer errichtet hat und nicht wenige halten Erich Honecker für den zweiten Bundeskanzler im Nachkriegs-Deutschland. Verschwindet das Leben und Leiden im Arbeiter- und Bauernparadies in Vergessenheit? Es scheint so: Viele Deutsche wünschen sich die DDR zurück – allerdings so, wie sie nie war.

Inzwischen gibt es Museen, Studien und Ausstellungen zur Geschichte der DDR. Vor allem die politischen Aspekte werden dabei thematisiert. Jedoch hält der Trend zur Verklärung des DDR-Alltags, die Ostalgie, unvermindert an, obwohl kritische Filme wie „Das Leben der Anderen“ gegensteuern. Die fast vergessene Wahrheit ist: Knapp sechs Millionen Namen bei rund 17 Millionen Einwohnern hat die Stasi in ihren Schnüffelakten registriert. Das zeigt die Paranoia, die charakteristisch war für die DDR wie auch für jede andere Diktatur. Es gab keine harmlosen unpolitischen Räume; alles musste observiert und durchdrungen werden. Die Menschen am Arbeitsplatz waren umstellt von Stasi, SED und gleichgeschaltetem Gewerkschaftsbund. Von den Zwängen der Planwirtschaft ebenso wie von den Notwendigkeiten, sich anzupassen, wenn man beruflich aufsteigen wollte. Und stets im Nacken die Vordenker des Regimes: Bronzebüsten von Marx und Engels, Lenin und Thälmann wachten im öffentlichen Raum über die Linientreue.
Der Rückzug ins Private war deshalb die einzige Chance, Zufriedenheit und seelisches Gleichgewicht zu finden. Familie und Freunde halfen den Alltag zu bewältigen. Die Datsche war der Gegenpol zur Arbeitswelt. Hier konnte man über das Fernsehen in den Westen emigrieren und sich im politischen Witz für seine Entmündigung rächen. Besonders Künstler haben die tristen Alltagserfahrungen öffentlich gemacht. Viele von ihnen mussten deshalb emigrierten oder wurden ausgebürgert wie Wolf Biermann 1976. Wer blieb, durfte nicht auftreten. Dies alles in Vergessenheit geraten zu lassen, ist fatal für nachwachsende Generationen. Wer die Vergangenheit seiner Heimat nicht kennt, versteht die Gegenwart nicht und ist schon gar nicht imstande, seine Zukunft richtig einzuschätzen.