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18.02.2008

Steuerfahnder weiteren Verdächtigen auf der Spur

Klaus Zumwinkel galt lange als Lichtgestalt unter Deutschlands Managern: Fleißig, erfolgreich und moralisch integer. Seit fast 20 Jahren stand er unangefochten an der Spitze der Deutschen Post und modernisierte den einstigen Staatsbetrieb erstaunlich effizient. Ein Vorbild eben. Doch sein Image trübte sich schon im Dezember 2007 ein. Da hatte er mit Aktienverkäufen Millionengewinne erzielt – ausgerechnet nach der Entscheidung der großen Koalition über Mindestlöhne in der Postbranche. Die Meldung schreckte die Politik auf, weil sie fast zeitgleich mit den Nachrichten über drohende Jobverluste bei anderen Briefdienstleistern auftauchte.

Gefährliche Entwicklung

Sollte der Verdacht zutreffen, wonach Zumwinkel rund eine Million Euro Steuern hinterzogen haben soll, wird Otto Normalverdiener zwar aufhorchen, aber wer wird sich noch wirklich darüber aufregen? Millionen-Abfindungen bei Mannesmann, Lustreisen bei VW, die Korruptionsaffäre bei Siemens haben längst das Rechtsempfinden in der Bevölkerung empfindlich aufgeweicht – und es sieht ganz danach aus, dass Moral und Anstand, wie gerade Zumwinkel es einst verkörperte, als etwas Verbindliches in unserem Wertesystem gar nicht mehr existieren.
Denn Zumwinkel ist, wie wir inzwischen wissen, kein besonders drastischer Einzelfall – Fahnder sind weiteren bekannten Großverdienern wegen Steuerhinterziehung auf der Spur. Und wenn wir ehrlich sind: Auch sehr viele weniger gut Verdienende versuchen mit mehr oder weniger kleinen Tricks, fällige Steuern so gut es geht am Fiskus vorbei zu mogeln. Gleichwohl bleibt der Rechtsbruch im Spannungsfeld von Gier, Macht und Geld eine Sportart der Eliten, weil Otto Normalverdiener die Gelegenheiten fehlen. Das wissen auch die vielen Politiker, die sich angesichts der Nachrichtenlage in den nächsten Tagen noch öffentlich empören werden.

Was also folgt nun aus all dem? Mindestens zweierlei. Zum einen macht sich in der Bevölkerung das Gefühl breit, dass bestimmte Spielregeln für „die da oben“ nicht mehr gelten. Dass also die, die zur Elite gehören, sich nicht mehr so benehmen, wie es sich für Menschen mit einer Vorbildfunktion gehört – mit unabsehbaren Folgen für unsere Wertegemeinschaft. Zweitens droht Deutschland in einen Zustand abzurutschen, den wir schon hinter uns hatten: in eine gespaltene Gesellschaft, in die Klassengesellschaft. Das ist ein ernstes Problem, weil die Spaltung im unteren Teil ein immer größeres Segment von Menschen produziert, die ausgeschlossen sind. Hier entstehen Ansätze einer Ghetto- und Slumbildung, wie wir sie aus den USA oder Frankreich kennen. Eine Gesellschaft, die diese Anzeichen nicht ernst nimmt, riskiert am Ende mehr, als alle Großverdiener je nach Liechtenstein tragen könnten.