Suttgarter Kings Club: Vom Homo-Treff zur Kultbar © dpa
10.08.2012

Stuttgarter Kings Club: Vom Homo-Treff zur Kultbar

Stuttgart. Der junge Mann auf der Tanzfläche genießt seinen Auftritt sichtlich. Fast jeder Ton von «Kiss Kiss» sitzt, der schnelle türkische Text geht ihm ohne Probleme über die Lippen. Er schmunzelt leicht, als sein kecker Hüftschwung beim Karaoke von den männlichen Zuschauern mit anerkennendem Pfeifen bedacht wird.

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«In ihren türkischen Familien haben junge Schwule wie er manchmal einen schweren Stand», weiß Clubchefin Laura Halding-Hoppenheit. Sie möchte ihm und anderen Gästen einen geschützten Raum und eine zweite Familie bieten - einen Platz, wo sie «sie selbst» sein können und ihre Neigungen nicht verstecken müssen. Und das ist der Kings Club.

In den mehr als 35 Jahren, in denen sich der Treff von einem reinen Szeneclub zum Kultlokal entwickelt hat, hat sich optisch nicht viel verändert. In dem Keller im Stuttgarter Zentrum geht es plüschig zu. Die beherrschenden Farben sind Rot und Gold. Schummerlicht und kuschelige Nischen mit Ledersitzen runden das Bild ab. «Schwulenbarock», sagt die Chefin und lacht.

Die «Mutter der Schwulen», wie sie viele bezeichnen, braucht vor ihren «Kindern» kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Von der ersten Stunde an ist ihr die Szene ans Herz gewachsen - und umgekehrt. Wann immer möglich, verbringt Laura, wie sie bloß genannt werden möchte, die Abende von Donnerstag bis Sonntag hier - «mit meiner Familie».

Seit dem Start des Kings Clubs hat sich die gebürtige Rumänin mit den auffällig roten Haaren in der Szene daheim gefühlt und sich für ihre Schützlinge stark gemacht. Anfangs sei der Club «ein schwarzes Loch» gewesen, sagt die Frau, die ihr Alter als Geheimnis hütet. Der «Paragraf» sei schuld gewesen. Der Strafrechts-Paragraf 175 stellte bis 1994 Homosexualität in Deutschland unter Strafe - und stempelte damit auch viele Stuttgarter ab. Doch während die Welt draußen voller Vorurteile war, gedieh der plüschige Club hinter der Tür zunächst bestens. «Bis zu den 1980er Jahren war unsere Glanzzeit.»

Doch dann kam Aids. Die Krankheit schlug ein wie eine Bombe. Laura schießen noch heute Tränen in die Augen, wenn sie zurückdenkt. An die vielen «Kinder», die sie verlor. An den Keil, den HIV in die Szene trieb. Gesunde Schwule wendeten sich von Kranken ab, Angst griff um sich. Sie appellierte damals: «In einer echten Familie lässt man Kranke auch nicht einfach im Stich.» Die Gemeinschaft hielt, Lauras Beziehung nicht. Ihr Partner und zugleich der erste Clubchef verließ die Kneipe, und Laura übernahm.

Rund ein Drittel der Gäste seien mittlerweile Heteros, berichtet sie. Viele von ihnen seien Frauen, die sich in Gesellschaft Schwuler wohlfühlen. Nicht selten bringe einer gleich eine ganze Gruppe Mädels mit. Zudem sei es bei ihnen friedlicher als in manchen anderen Clubs, meint Laura. Gewalt bleibe die absolute Ausnahme.

Neben vielen jungen Schwulen und Lesben schauen immer wieder auch ältere vorbei. Man fachsimpelt über den Aids-Kongress der Vereinten Nationen oder den Christopher-Street-Day. Sie schätzen den Kings Club - kurz KC - nicht nur aus nostalgischen Gründen. «Es ist immer noch so, dass viele hier im KC zum ersten Mal einen Mann ansprechen», sagt der 49 Jahre alte Schauspieler Horst Emrich.

So ging es 1989 auch Jürgen: Er habe mehrere Anläufe gebraucht, um endlich den Fuß über die Schwelle zu setzen, erzählt der 51-Jährige lachend. «Anfangs hat man schon nach rechts und links geschaut, wenn man reingegangen ist. Heute ist das kein Problem mehr.»

Mittlerweile habe er einen Partner und sei nicht mehr so häufig auf Partys zu finden. Aber Laura und dem Kings Club fühlt er sich noch immer verbunden. «Sie ist ein Vorbild, mit dem was sie tut. Die Stuttgarter Szene ist durch sie erst ins Leben gekommen.»