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28.09.2009

Unerhörter Kraftwagenaufwand im LWA

STUTTGART (Eig.-Bericht). Die Zeugenaussagen des dritten Verhandlungstages gegen den ehemaligen Abteilungsleiter des Landwirtschaftsministeriums Willy Frank, ergaben ein geradezu erschütterndes Bild der Überbesetzung eines Ministeriums in fachlicher und personeller Hinsicht. So hatte das Landwirtschaftsministeriums Anfang 1946 allein 75 Kraftfahrzeuge laufen.

Großzügig wurden Reifen und Treibstoff zugeteilt und nicht weniger großzügig zeigte man sich auch in personeller Hinsicht. So fungierten allein in Franks Kraftfahrzeugabteilung zahlreiche Sachbearbeiter, denen wiederum Hilfssachbearbeiter usw, zur Seite standen: alles in allem ein Personalaufwand, der in der privaten Wirtschaft undenkbar wäre.

Ein Zeuge aus dem Ministerium sagte u. a. aus, Frank selbst habe 1946 mindestens vier Wagen gefahren, für die ihm vom Ministerium offiziell 50 Reifen zugeteilt worden seien. Frank sei sehr schnell gefahren und habe daher einen großen Reifenverbrauch gehabt! Er habe oft nach einer einzigen Fahrt nach München neue Reifen benötigt, Frank hatte bereits im Dezember 1945 zwölf Motoren, acht Getriebe und 45 Reifen Im Privatbesitz. Seiner geschiedenen Frau konnte er großzügige Darlehen in Höhe von 10 000 Mark machen, während er seiner Freundin zum Reichsmark-Schleuderpreis ein Auto zuschanzte, das pro forma auf das Landwirtschaftsministerium zugelassen wurde!

Zwei andere Zeugen schilderten, wie sie von Frank bei der Beschlagnahme ihrer Autos bedroht und unter Druck gesetzt wurden, bis sie endlich nachgaben. Einen dieser Wagen erhielt ein Angestellter namens Brogsitter, der den Wagen, nachdem er Ihn beschädigt hatte, kurzerhand an den Hauptabteilungsleiter Getränke, Dr. Krämer, verkaufte, der selbst vor wenigen Wochen die Anklagebank des Stuttgarter Gerichtsgebäudes zierte. Ein ursprünglich Mitangeklagter, dem die Amnestie zugute kam, bekundete, im Landwirtschaftsministerium habe jedermann von Franks Geschäften gewußt: „Ob es nun Ministerialrat Dr. Eisemann, Ministerialrat Eberhard und andere waren, die Herren haben ja doch alle Reifen von Frank für ihre Privatwagen erhalten. Auch Herr Minister Stooß, Herr Eisemann usw.“ Die ganze Undurchsichtigkeit der Verhältnisse veranlaßte den Gerichtsvorsitzenden zu den Worten:„Dieser Komplex hat so viele dunkle Fälle, wie ich sie noch in keinem anderen Verfahren erlebt habe!“

Ein Schreiner, der Frank ein Schlafzimmer angefertigt hatte, erklärte als Zeuge, daß er außer 2285 Mark auch noch 20 Pfund Butter, 50 Flaschen Wein und 15 Flaschen Schnaps erhalten habe.

Die Vernehmung von Franks Amtsnachfolger zeigte deutlich die Mentalität, die anscheinend auch heute noch in dieser Abteilung des Landwirtschaftsministeriums herrscht, denn lachend vertrat dieser Zeuge die Ansicht, Frank habe vom fachmännischen Standpunkt aus richtig gehandelt in dem er die kompensierten Reifen usw. wieder der Wirtschaft zugeführt habe, (in diesem Falle also privat weiter verschob. D. Red.)

Kurz vor Abschluß der Beweisaufnahme kam es zu einem sensationellen Zwischenfall, als das Gericht den Amtsnachfolger Franks, Abteilungsleiter Willy Steudel, den ursprünglich Mitangeklagten, später aber amnestierten Anton Grüneberger und den bis dahin auf freiem Fuß befindlichen Angeklagten Willy Frank im Gerichtssaal verhaften ließ. Das Gericht begründete dieses Schritte bei Steudel damit, dieser habe das Gericht in unverantwortlicher Weise angelogen und irregeführt, während Frank zu unwahren Aussagen angestiftet habe. Grüneberger wurde wegen Verdunklungsgefahr in Haft genommen.

Ein weiterer Zeuge, dessen Autoreparaturwerkstatt seinerzeit für das Landwirtschaftsministerium beschlagnahmt worden war, sagte aus, er habe sich einmal bei Minister Stooß über die „merkwürdigen Geschäftsvorgänge“ beschweren wollen, er sei aber nie empfangen worden. Vielmehr sei ihm ausgerichtet worden: „So etwas kommt in meinem Hause nicht vor. So etwas passiert bei uns nicht!“

Der Prozeß wird voraussichtlich noch mehrere Tage andauern, da noch zahlreiche Zeugen gehört werden müssen.