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06.03.2009

Volksparteien in der Krise

Arbeiter wählen die SPD, Kirchgänger die Union und leistungsbereite Zahnärzte die FDP – so jedenfalls schien es früher, doch dieses lang gehegte Klischee gilt nicht mehr. Die Welt der Parteien ist im laufenden Superwahljahr komplizierter geworden denn je. Der Wähler ist unberechenbar geworden, offenbar geleitet von Gefühlen, die die Parteienforscher bisher nicht orten konnten. Gerade die sprunghaften Wähler haben die Volksparteien in eine tiefe Krise gestoßen.

Seit 1980 hat sich die Mitgliederzahl der SPD von mehr als einer Million praktisch halbiert. Und die CDU, die in den achtziger Jahren noch rund 800 000 Mitglieder verzeichnete, liegt ebenfalls nur noch gerade über eine halbe Million Mitglieder. Vor allem die Großen sind längst überaltert, die Basis stirbt gewissermaßen weg. Insgesamt sind von den 65 Millionen wahlberechtigten Deutschen nur noch etwas mehr als 1,4 Millionen in einer politischen Partei engagiert. Die Volksparteien alten Zuschnitts werden zum Auslaufmodell – wenn sie nicht gegensteuern können.
Die Auswahl in der Politik ist so unattraktiv, dass auch das Interesse erlahmt. Jahr für Jahr melden die Demoskopen einen stetigen Rückgang der Wahlbeteiligung. Skandälchen oder handfeste Fälle wie jetzt der Kinderporno-Verdacht gegen den SPD-Bundestagsabgeordneten Jörg Tauss untergraben das Ansehen des Parteienstaats zusätzlich.
Die Parteien – das Rückgrat der Demokratie – können vor allem junge Menschen nicht mehr an sich binden. Politik erscheint ihnen zu kompliziert, zu komplex und auch als berufliche Perspektive wohl nicht mehr attraktiv genug. Die Parteien haben schon lange keine Konzepte mehr gegen den Exodus. In den 70ern warb die SPD noch mit Slogans wie „Mehr Demokratie wagen“ oder mit ihrer Ostpolitik. Auch die CDU konnte noch motivieren und auf Jüngere zurückgreifen. In Deutschland fehlen heute so charismatische Persönlichkeiten wie einst Willy Brandt, die die Menschen mitziehen und überzeugen könnten. So, wie es jetzt US-Präsident Barack Obama vorgemacht hat.
Sind alle jungen Menschen der Politik überdrüssig? Wohl kaum. Obama hat gezeigt, wie Jugendliche für demokratische Ideale zurückgewonnen werden können. Jüngere sind also durchaus an Politik interessiert, aber vielleicht nicht so sehr an den Parteienklüngel. Sie stehen hinter der Demokratie – aber sie haben ein anderes Organisationsverhalten; nutzen Medien anders und engagieren sich lieber punktuell in Bürgerinitiativen. Sie wollen sich nicht lange binden, nicht die Ochsentour durch die Partei machen, um irgendwann als Funktionär in einen Gemeinderat einzuziehen. Hier sind Reformen nötig, sollten die Parteien junge Menschen dort abholen, wo sie stehen – im Namen der Demokratie.